Chapter 11 08: 43 Z-Zeit (22: 43 Uhr Alaskan Time)Irgendwo in der Arktis Der Hubschrauber ging langsam tiefer. Schnee wirbelte auf und bedeckte die vier Personen, die darauf warteten, aufgenommen zu werden. Der Suchscheinwerfer des Helikopters tastete über den Schnee, bis er einen Japaner erfaßte, der zu winken begann. "Na endlich." sagte er zu seinen Begleitern. "Das müßten wir sagen!" knurrte der große Mann neben ihm, "Schließlich sitzen wir seit Tagen in dieser Hütte fest!" "Wofür Sie auch gut bezahlt werden!" meinte die japanische Frau, Myoki Akimoto. Der Hubschrauber setzte jetzt im Schnee auf. Der Pilot ließ die Rotoren laufen. "Ziehen Sie den Kopf ein und folgen Sie mir!" rief Kenichi Akimoto laut, um den Motorenlärm zu übertönen. "Nein!" brüllte eine andere Stimme. "Strecken Sie die Arme hoch und folgen Sie MIR!" Nikolai Tschechows große Gestalt schälte sich aus der Dunkelheit. Er hielt etwas in der Hand, was wie eine Pistole aussah, anscheinend hatte er die Situation auch ohne eine Erklärung von Harm erfaßt und hatte es für besser gehalten, sich zu bewaffnen. Die Japaner und die Reardons erstarrten. "Nikolai, das hat nichts mit Ihnen zu tun, es ist eine Sache zwischen uns und der Yamamoto-Company!" rief Scott Reardon. "Das wäre es vielleicht gewesen, wenn Sie nicht Ihren Tod vorgetäuscht und uns alle nicht nur in Sorge, sondern auch unter Mordverdacht zurückgelassen hätten!" widersprach der riesenhafte Russe. "Ich dachte, wir Stationsbewohner wären eine eingeschworene Gemeinschaft!" Der Pilot des Hubschraubers glaubte sich unbeobachtet und riß eine Waffe heraus. Nikolai warf sich der Länge nach in den Schnee. Zwei Kugeln ließen um ihn herum den Schnee auseinanderstäuben und eine streifte seine Wange, doch er feuerte nicht zurück. "Steigen Sie endlich ein!" rief Kenichi Akimoto den Reardons zu. Sie rannten zum Hubschrauber. "Halt! Sie gehen nirgendwo hin!" brüllte Harm laut. Der Pilot wirbelte herum und legte auf ihn an. In der Dunkelheit peitschte ein Schuß auf. Der Pilot sackte zusammen. Mac trat in den vom Suchscheinwerfer beleuchteten Kreis und richtete ihre Dienstwaffe auf die Akimotos und die Reardons. "Das war Timing, wie immer." sagte Harm als er zu ihr hinüberging, um die beiden Ehepaare festzunehmen. Anna Tschechow ließ sich erleichtert neben Nikolai auf die Knie fallen und boxte ihn rauh in die Seite. "Autsch! Hey, ich bin der Held des Tages, also bitte etwas sanfter, ja?" beschwerte er sich scherzhaft. "Du bist der Idiot des Tages, Nikolai Wassiljewitsch Tschechow!" widersprach Anna, während sie ihm das Blut von der Wange tupfte. "Ich weiß ja, daß du niemanden töten willst, aber es hieß er oder du! Wieso zum Teufel hast du nicht zurückgeschossen?" "Oh, das hätte ich ja liebend gerne getan, aber damit ging es schlecht." erwiderte Nikolai. Er streckte den Zeigefinger aus. Anna, Harm und Mac starrten ihn an. "Du hattest nicht einmal eine Waffe?! Dann bist du noch idiotischer, als ich dachte!" sagte Anna fassungslos. Harm grinste anerkennend. "Sie haben nicht zufällig vor, die russische Armee zu verlassen und der Navy beizutreten? Wir könnten ein paar mehr Leute von Ihrer Sorte gut gebrauchen." scherzte er. "Kommt nicht in Frage, Sailor, wenn überhaupt, dann geht er zu den Marines!" widersprach Mac sofort. "Sparen Sie sich die Debatte, ich bleibe genau da, wo ich bin." erklärte Nikolai und sah Anna an. Sie lächelte und half dem großen Mann hoch. "Manchmal bist du wirklich ein Idiot, Nikolai Wassiljewitsch Tschechow. Na ja, aber trotzdem: Ya tebya liubliu!" Nikolai starrte sie an, dann schüttelte er den Kopf und sah zu Harm hinüber. "Haben Sie das gehört, Harmon? Sie sind doch Psychologe, bitte sagen Sie mir, daß ich keine Halluzinationen habe!" Harm hätte wirklich zu gern gewußt, was Anna da zu ihm gesagt hatte. Er sah zu Mac hinüber, aber die grinste nur und zuckte die Schultern. Harm wandte sich wieder den beiden Russen zu. "Ähm, was das mit dem Psychologen betrifft ..." *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *»
09: 46 Z-Zeit (23: 46 Uhr Alaskan Time) Harm, Mac und die beiden Russen hatten ihre Gefangenen gefesselt in der kleinen Hütte zurückgelassen und waren zur Forschungsstation zurückgekehrt. Die anderen Wissenschaftler schliefen schon, niemand hatte etwas von der ganzen Aufregung bemerkt. Nicht einmal Olaf hatte seine Hunde vermißt. Morgen früh würden sie Valdez kontaktieren und einen Hubschrauber anfordern, der sie und die Gefangenen abholen würde. Harm half Mac, die Hunde auszuspannen und ihre Pfoten auf Verletzungen und Eisstücke zu untersuchen. Als sie sich erhob, schwankte sie einen Moment lang vor Erschöpfung. Harm erinnerte sich wieder daran, daß sie kaum von einer schweren Grippe genesen war und schlang stützend einen Arm um ihre Hüfte. Anna und Nikolai folgten ihnen ins Haus. "Und Sie beide sind wirklich nicht verheiratet? Sind Sie sicher?" fragte Nikolai zum wiederholten Male. Harm und Mac lachten. "Das wüßten wir, glauben Sie uns." meinte Mac kopfschüttelnd. "Und Sie sind auch kein Psychologe?" vergewisserte sich Nikolai. Harm schüttelte den Kopf. "Es sei denn, ich habe es VERDRÄNGT." scherzte er. Mac versetzte ihm einen leichten Stoß mit dem Ellenbogen. "Und woher wußten Sie dann ... ich meine, wieso haben Sie dann Anna so gut verstanden, wenn Sie gar kein Psychologe sind?" fragte Nikolai verwirrt. Mac und Anna sahen sich stirnrunzelnd an. "Wovon reden die beiden?" "Keine Ahnung!" fragten und antworteten ihre Blicke gleichzeitig. "Oh, um manche Dinge zu wissen braucht man nicht unbedingt ein Diplom, ein paar ... Erfahrungen genügen." erklärte Harm möglichst lässig. "Scheint so," stimmte Nikolai lächelnd zu, "jedenfalls haben Sie mir auch ohne Diplom sehr geholfen. Mit manchen Problemen kann man auf Dauer eben nicht ganz alleine fertig werden." Harm nickte und sein Blick ruhte auf Mac, die zu Boden sah. Sie standen inzwischen vor ihren nebeneinander liegenden Quartieren. "Gute Nacht." sagte Anna und schob ihren hochgewachsenen Partner behutsam vor sich her zur Tür. "Gute Nacht." erwiderten Harm und Mac und betraten ihr Quartier. *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *»
09: 56 Z-Zeit (23: 56 Uhr Alaskan Time) "Harm?" Macs kühle Hand tastete über das breite Bett und legte sich zögernd auf Harms Unterarm. Harm zuckte fast zusammen, so unerwartet kam ihre Berührung. In den letzten Wochen hatte sie wirklich jede Art von Kontakt mit ihm vermieden. Die freundschaftliche Berührung wärmte ihn, obwohl ihre Hand eiskalt war. "Hm?" Er wußte, daß sie noch eine Unterhaltung zu Ende zu bringen hatten und er würde dafür sorgen, daß Mac sich nicht darum herum drücken würde, aber jetzt brauchten sie erstmal beide ihren Schlaf. "Herzlichen Glückwunsch, Harm!" sagte Mac und zog die Hand wieder zurück. Die Stelle an seinem Unterarm fühlte sich plötzlich kalt an. "Herzlichen Glückwunsch?" Diese Worte waren wirklich die letzten, die er erwartet hatte. "Glückwunsch zu was?" fragte er verständnislos und etwas schläfrig. Mac lachte ein wenig. "Zum Geburtstag, Harm! Heute ist der 25. Oktober! Das kann auch nur einem Flyboy passieren, daß er seinen eigenen Geburtstag vergißt!" "Oh, richtig. Danke," Harm war mehr als ein wenig überrascht, daß sie daran gedacht hatte, obwohl die letzten zwei Tage ziemlich hektisch gewesen waren, "aber Mac, genau genommen ist heute schon der 26. Oktober." "Nein, wir haben den 25. Oktober, noch genau eine Minute und 28 Sekunden lang." widersprach Mac. Sie brauchte Harms Gesicht in der Dunkelheit nicht zu sehen, um zu wissen, daß er jetzt lächelte. Noch bevor der 26. Oktober anbrach, waren sie beide eingeschlafen, diesmal auch Mac. *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *»
19: 15 Z-Zeit (09: 15 Uhr Alaskan Time) Mac öffnete die Tür, trat nach draußen und setzte ihr Gepäck ab. Der Hubschrauber mußte jeden Moment da sein. Sie sah sich um und nahm alle Details ihrer Umgebung noch einmal in sich auf; den Schnee, der ihre Schritte dämpfte, die weißen Hügel, den weiten Horizont. "Dieser Ort hier scheint mir Meilen ... Lichtjahre entfernt zu sein von Flugzeugträgern, Washington, JAG ..." murmelte Mac als sie Harm hinter sich treten hörte. Sie wußten beide, was Mac meinte: Von ihren Problemen. "Dann lassen Sie einfach allen Ballast hier zurück, Mac." sagte Harm sanft. Mac seufzte. "So einfach ist das nicht. Der Ort ändert nicht, wer wir sind." Sie sah ihn nicht an. Harm schluckte. "Hey, ist noch etwas Platz frei in Ihrem Hubschrauber?" fragte eine Stimme hinter ihnen. Sie drehten sich um. Es war Anna Tschechow, die mit Nikolai aus dem Haus trat. Von den anderen hatten sie sich bereits innen verabschiedet. "Haben Sie es sich doch nochmal anders überlegt mit der Navy?" fragte Harm grinsend. Anna lachte. "Nein, wie Nikolai schon gesagt hat: Ich bin genau da, wo ich sein will." erwiderte sie und legte Nikolai kurz die Hand auf den Arm. Nikolai lächelte sanft und streckte die Hand aus, gab Harm ein Buch. "Ich wünschte, ich könnte so schreiben, aber leider ist es nur von meinem Namensgefährten, Anton Tschechow," erklärte er, "aber keine Angst: Es ist in Englisch." Er wußte noch immer nicht, daß Mac fließend Russisch sprach. Harm schlug die erste Seite auf und las das russische Sprichwort, das dort geschrieben stand: "Nur wer die Taiga kennt, versteht die Ewigkeit." Harm atmete tief durch. "Danke." Mac nahm Harm das Buch ab und drückte stattdessen kurz seine Hand. Sie wußte, daß er jedesmal, wenn er das Wort Taiga hörte, an seinen Vater dachte. Es war niemals leicht, jemanden, den man so geliebt hatte, loszulassen. Harm erwiderte sanft den Händedruck. Er wußte, daß Mac mit dem Wort Ewigkeit vermutlich keine sehr angenehmen Erinnerungen verband. Es war nicht leicht, loszulassen. In der Ferne erklangen jetzt Rotorengeräusche und der Hubschrauber kam in Sicht. Harm dirigierte die vier Festgenommenen, die sie heute morgen zusammen mit den Daniels und den Tschechows hergebracht hatten, zu sich hinüber. Der große Transporthubschrauber landete in der Nähe, wirbelte dabei Schnee auf. Zwei Soldaten sprangen heraus und übernahmen die Gefangenen. Harm und Mac schulterten ihr Gepäck und winkten den Tschechows ein letztes Mal stumm zu, der Lärm, den die laufenden Rotoren des Hubschraubers machten, verhinderte jedes weitere Wort. Der Hubschrauber hob ab, kaum daß sie ihre Plätze eingenommen hatten. Mac schloß müde die Augen. Sie hatte viel Schlaf nachzuholen. "Mac? Ya tebya liubliu." schrie Harm gegen das Geräusch der Rotorblätter an. Mac öffnete schlagartig die Augen. "Was?" Sie starrte ihn an. "Habe ich es falsch ausgesprochen? Ich möchte jetzt endlich wissen, was Anna da gesagt hat! Was bedeutet dieser Satz?" wollte Harm wissen. "Oh, es bedeutet: Doostat daram." erklärte Mac. Harm verzog das Gesicht. "Marine-Corps-Humor!" beschwerte er sich, "Mac, Sie wissen doch genau, daß ich kein Farsi spreche." "Das ist wirklich bedauerlich für Sie," meinte Mac lächelnd, "okay, dann werde ich es Ihnen anders erklären ... Wie wäre es mit: Suki desu?" "Mac, ich kann auch kein Japanisch!" protestierte Harm und als er bemerkte, daß auch das Macs Mitleid nicht erregte, wechselte er die Taktik und zeigte ihr sein bestes Flyboy-Grinsen, "Hey, Mac, Sie haben mir noch gar nichts zum Geburtstag geschenkt. Wie wäre es mit einer kleinen Übersetzung?" Mac sagte nichts dazu, sondern schloß erneut die Augen. Nur das leichte Lächeln auf ihrem Gesicht blieb. TBC |