Chapter 10 05: 32 Z-Zeit (19: 32 Uhr Alaskan Time)I.C.E.-Hauptgebäude 8 Meilen westlich von Barrow, Alaska Harm erhob sich aus seinem Stuhl im Büroraum, streckte seine große Gestalt und ging leise ins Schlafzimmer hinüber. Mac schlief seit heute morgen und er hatte sich deshalb leise ins Büro verzogen und sah alle Viertel Stunde nach ihr. Er war heilfroh, daß sie endlich schlief, aber zugleich wünschte er, sie würde aufwachen. Er wollte ihr wieder etwas von der Grippemedizin einflößen und außerdem mußte sie endlich etwas essen. Auf Zehenspitzen näherte er sich dem Bett und sah, daß Mac noch immer mit geschlossenen Augen dalag. Ihr Schlaf schien nun etwas ruhiger als zuvor zu sein. Harm drehte sich um und wollte leise davongehen, als plötzlich Macs noch etwas heisere Stimme erklang: "Geht meine innere Uhr falsch oder ist es wirklich schon 19: 33 Uhr?" Harm warf einen Blick auf den Radiowecker. "19 Uhr 32." antwortete er automatisch. Mac schüttelte den Kopf, merkte aber sofort, daß das keine besonders gute Idee gewesen war. Für einen Moment verschwamm alles vor ihren Augen. "19 Uhr 33 Minuten und 52 Sekunden." widersprach sie, sobald sie wieder klar sehen konnte. "Die Uhr muß falsch gehen." "Offensichtlich." stimmte Harm zu, froh, daß es ihr wieder gut genug ging, um sich über die Uhrzeit zu streiten. Er näherte sich dem Bett und sah prüfend auf Mac hinab. "Geht’s Ihnen besser?" "Ja," seufzte Mac, "schlimmer konnte es ja wohl auch kaum noch werden." Harm setzte sich vorsichtig und legte prüfend die Hand auf ihre Stirn. Ihre Temperatur war noch immer höher als gewöhnlich, aber längst nicht mehr so hoch wie in der Nacht zuvor. Auch die dunklen Schatten unter ihren Augen waren etwas zurückgegangen. Harm war sicher, daß sie schon seit Wochen nicht mehr so viel geschlafen hatte wie an diesem Tag. "Wie wäre es mit etwas zu essen? Und sagen Sie jetzt ja nicht nein, ein appetitloser Marine würde dem Ruf des Corps empfindlich schaden." meinte Harm lächelnd. Mac nickte ergeben. Sie hatte seit 36 Stunden nichts mehr gegessen und womöglich beruhigte sich ihr noch immer etwas nervöser Magen, wenn sie eine Kleinigkeit aß. Harm griff nach dem Teller mit Brei, den er nach dem Abendessen zubereitet hatte. Er war zumindest noch lauwarm. "Brei?" fragte Mac skeptisch, als sie den Inhalt des Tellers sah. "Hey, ich habe nichts an den Zähnen!" Ihre Stimme klang schon wieder ärgerlich. Sie fühlte sich seltsam dabei, sich von Harm pflegen zu lassen. Sie mochte es nicht, sich verletzlich zu fühlen und noch weniger mochte sie das warme Gefühl, das Harms freundliche Bemühungen in ihr auslösten. Es war schwer, auf jemanden wütend zu sein, der sich derart aufopferungsvoll um einen kümmerte. Und wenn sie nicht mehr wütend auf Harm sein konnte ... "Auf den Mund sind Sie ganz sicher nicht gefallen, Colonel Kratzbürste!" entgegnete Harm grinsend und unterbrach damit Macs Gedanken. Er hielt den Teller mit dem Brei jetzt auf den Knien und sah etwas unsicher zwischen dem Brei und Mac hin und her. Einen Moment lang war er fast versucht, sie damit zu füttern, aber er konnte sich ihre Reaktion lebhaft vorstellen und er legte keinen gesteigerten Wert darauf, mit Brei bekleckert oder erneut verletzt zu werden, also hielt er Mac stattdessen einladend den Teller hin. Ohne große Begeisterung schälte sich Mac aus ihrer Decke und nahm den Teller entgegen. Skeptisch griff sie nach dem Löffel. Harm schnappte nach Luft und griff behutsam nach ihrem Arm. "Was ist das?" fragte er und betrachtete besorgt die Wunde, die Mac sich am letzten Tag ihrer Fahrt mit Olaf zugezogen hatte. Sie hatte sich glücklicherweise nicht entzündet und es bildete sich bereits eine dicke Kruste. "Sieht nach einem Schnitt aus, oder?" antwortete Mac spöttisch. "Sowas kann passieren, wenn man in der Arktis unterwegs ist. Sie wissen schon: Kein fließendes Wasser, keine Zentralheizung, kein warmes Essen und kein bequemes Bett." "Sie hätten mir doch zumindest sagen können, daß Sie verletzt sind." meinte Harm vorwurfsvoll. "Verletzt sind! Wie das klingt! Als hätte ich eine lebensbedrohliche Wunde davongetragen! Und im Übrigen, was hätten Sie dagegen unternommen, wenn ich es Ihnen gesagt hätte? Hätten Sie den Kratzer einfach weggeküßt, oder was?" fauchte sie. Ein unbehagliches Schweigen entstand für einen Moment. Dann hob Mac erneut den Löffel und probierte vorsichtig. Ihr Magen protestierte ein wenig, beruhigte sich aber wieder. Brei war vermutlich doch nicht die schlechteste Idee gewesen, das dachte sie jedenfalls, bis sie den vierten Löffel Brei geschluckt hatte. Sie schubste Harm fast von der Bettkante, als sie die Decke zurückwarf und aufsprang. Leider hatte sie in ihrer Hast, zum Badezimmer zu gelangen, vergessen, daß ihre Beine noch immer etwas unsicher waren, so daß sie beinahe zu Boden ging. Harm konnte sie im letzten Moment abfangen und half ihr zum Badezimmer. Sie schafften es bis zur Badezimmertür, bevor Mac den Kampf gegen ihren rebellierenden Magen verlor. Harm hielt sie fest und wartete bis das Würgen und Keuchen aufgehört hatte. Besorgt sah er sie an. "Ins Bett oder ins Badezimmer?" fragte er sanft. Mac räusperte sich - dreimal. "Ins Badezimmer," erklärte sie dann, "ich will das hier sauber machen und dann würde ich gerne eine Dusche nehmen." Harm sah sie zweifelnd an. "Eine Dusche? Mac, ich weiß nicht, ob das im Moment die beste aller Ideen ist ... Ihre Beine scheinen noch immer ein wenig wackelig zu sein." Er wollte sich gar nicht vorstellen, was passieren konnte, wenn Mac in dem engen Badezimmer fiel und mit dem Kopf gegen die Kacheln oder das Waschbecken knallte. Macs Blick war jedoch unnachgiebig. Sie wollte eine Dusche und sie wollte sie jetzt. "Okay, aber zwingen Sie mich nicht, Sie aus der Dusche zu retten, wenn Sie fallen!" warnte Harm scherzend. Die Vorstellung, von Harm unter der Dusche gerettet zu werden, gab Mac alle Motivation, die sie brauchte. "Ich werde nicht fallen!" erklärte sie entschlossen. Sie ging ins Badezimmer und kehrte mit einem Putzlappen zurück. Harm nahm ihn ihr aus den Händen, als sie sich gerade auf Hände und Knie niederlassen wollte. "Danke," sagte er mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte sie ihn schon zuvor für den Putzdienst eingeteilt gehabt, "Und nun marsch ins Bad, Marine!" Er lächelte sein Flyboy-Lächeln. "Harm, Sie müssen wirklich nicht ..." begann Mac zu protestieren und wurde sogar ein wenig rot. So blamiert hatte sie sich wirklich noch nie vor jemandem. Harm drehte sie an der Schulter herum und schob sie in Richtung Badezimmer. "Ich sagte Marsch! Ich mach das hier schon." versicherte er. Mac schloß für eine Sekunde die Augen, als wolle sie Kraft für eine erneute Widerrede sammeln, aber dann nickte sie nur wortlos und verschwand im Badezimmer. Als sie eine halbe Stunde später wieder zum Vorschein kam, fühlte sie sich erfrischt und schon viel besser. Sie stellte fest, daß Harm seine Putzaktion beendet und sogar die Laken des Bettes gewechselt hatte. "Ihr Navy-Offiziere seid wirklich die perfekten Hausmänner." kommentierte Mac, auf etwas anspielend, was die Kongreßabgeordnete Bobbi Latham einmal gesagt hatte. "Das liegt nur daran, daß ihr Marines so unordentlich seid. Schließlich muß zumindest ein Teil der Streitkräfte Moral und Ordnung aufrechterhalten." erwiderte Harm grinsend und war glücklich, daß sie wieder fit genug war, um zu scherzen und noch ein wenig glücklicher, daß er es war, mit dem sie scherzte. Endlich wieder einmal! Er hatte gar nicht gewußt, wie sehr ihm dieses Necken und Scherzen fehlen würde, bis es verschwunden - oder besser: durch ständige Streitereien ersetzt worden - war. "Wie kommt es, daß wir die Dinge immer erst zu schätzen wissen, wenn wir sie verloren haben?" fragte er sich. "Ihre Putzmoral ist jedenfalls ausgezeichnet," meinte Mac schelmisch grinsend, doch dann wurde sie fast schlagartig ernst, "Harm, es tut mir wirklich leid, daß Sie ..." "Es gibt nichts, was Ihnen leid tun müßte, Mac!" sagte Harm mit Nachdruck. Er wollte nicht, daß sie sich entschuldigte, wenigstens nicht dafür. Was ihn viel mehr interessiert hätte, war, was in den letzten Wochen mit ihr los gewesen war und vielleicht noch immer los war, denn er wußte nicht, ob sie zu dem feindseligen Verhalten zurückkehren würde, sobald es ihr wieder besser ging. Mac zuckte die Schultern und ging zum Bett zurück. "Müde?" fragte Harm, als sie unter die Decken schlüpfte. Er selbst war auch ein wenig groggy, aber er hatte nicht vor zu schlafen, nicht, bevor er nicht etwas hinter sich gebracht hatte, das er sich schon tausend Mal vorgenommen und genauso oft wieder aufgeschoben hatte. Mac schüttelte leicht den Kopf. "Ich habe die letzten 10 Stunden und 41 Minuten durchgeschlafen, schon vergessen?" "Gut," sagte Harm ernst, "dann können wir jetzt endlich das längst überfällige Gespräch führen." "Wir unterhalten uns schon die ganze Zeit über, Commander," entgegnete Mac und benutzte plötzlich wieder seinen Rang als Anrede, ein Versuch, Distanz zu schaffen, "oder bilde ich mir nur ein, daß meine Lippen sich bewegen?" In ihrem Blick lag eine Warnung. Harm sah die Warnung, aber er beschloß, sie zu ignorieren. "Diesmal nicht, Lieutenant Colonel Sarah MacKenzie!" dachte er grimmig. Er wußte, wie gut Mac darin war, Themen zu meiden, über die sie nicht reden wollte - sie war auf diesem Gebiet die Zweitbeste. Gleich hinter ihm selbst. "Wir werden uns jetzt unterhalten." wiederholte er ernst. Mac lehnte sich trotzig zurück. "Na, fein. Sie wissen nicht, was Sie zu mir sagen sollen und ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll ... das wird wohl die kürzeste Konversation aller Zeiten werden." bemerkte sie ironisch. Harm ging nicht darauf ein, er wollte sich jetzt von keiner ihrer Bemerkungen vom Thema ablenken lassen. "Die Konversation wird zumindest so lange dauern, bis Sie mir endlich erzählt haben, was mit Ihnen los ist." "Ich bin krank, Harm." erwiderte Mac, obwohl sie wußte, daß er das nicht gemeint hatte, "und nur weil ich gerade schon wieder ... nur weil ich Ihren Brei nicht vertragen habe, heißt das noch lange nicht, daß ich schwanger bin!" Harm rollte mit den Augen. "Ist ja gut, ist ja gut, ich glaube, das hatte ich schon beim ersten Mal verstanden. Ich glaube Ihnen unbesehen, daß Sie DAS vor mir bemerken würden," Harm erlaubte sich ein kurzes Flyboy-Grinsen, "aber ich habe mich auch gar nicht auf Ihren Gesundheitszustand bezogen aber ich denke, das wissen Sie. Ich weiß, Sie kennen alle Ausreden, Ausflüchte, Verzögerungstaktiken, Ablenkungen und Verschleierungstechniken, die je von einem Zeugen oder Verdächtigen benutzt wurden, aber ich kenne sie auch und ich werde nicht zulassen, daß Sie sich schon wieder aus der Affäre ziehen. Wir werden diese Unterhaltung jetzt führen, also versuchen Sie nicht wegzulaufen, in Ihrem gegenwärtigen Zustand bin ich garantiert schneller als Sie." erklärte Harm entschlossen. "Als Sie das das letzte Mal behauptet haben, sind Sie unter einem Auto gelandet!" erinnerte Mac. "Weil gewisse andere Leute zuerst davor gerannt sind," berichtigte Harm, "außerdem: Was habe ich Ihnen gerade über Ablenkungstechniken erzählt? Ich habe Sie gefragt, was mit Ihnen los ist und ich will jetzt eine Antwort. Und damit wir uns diese Zeit gleich sparen können: Ich möchte weder die „Es-geht-mir-gut„, noch die „Ich-bin-ein-Marine,-ich-werde-selbst-damit-fertig„-Rede hören. Ich möchte wissen, warum Sie nicht schlafen, kaum essen und warum Sie so gereizt sind. Und ich möchte wissen, was unsere Freundschaft so plötzlich beendet hat." Harm wartete einen Moment, behielt sie im Auge und sprach dann weiter. Er wußte, daß er sie überzeugen mußte, sonst würde er kein Wort aus ihr herausbekommen. "Mac, ich bin Ihr Freund und was immer es ist, ich werde versuchen, Ihnen zu helfen. Also bitte, Mac, erzählen Sie mir endlich, was Sie für ein Problem haben." Seine normalerweise blauen Augen, die jetzt im Halbdunkel eher grün-bräunlich schimmerten, sahen sie bittend an. *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *»
06: 14 Z-Zeit (20: 14 Uhr Alaskan Time) Einen Moment lang war Mac hin und her gerissen und überlegte ernsthaft, ob sie ihn anschreien sollte, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern, ob sie sich einfach umdrehen und ihn ignorieren oder ob sie schlicht und einfach zusammenbrechen sollte. Dann beschloß sie zu antworten und zu hoffen, daß Harm es dabei würde bewenden lassen. "Das Leben, Harm, einfach nur das Leben." sagte sie mit einem Seufzen. Sie sah sofort, daß er das nicht verstand, wie sollte er auch, sie verstand es ja selbst kaum. "Das Leben, Mac? Ihr Leben? Was ist damit nicht in Ordnung?" fragte Harm und sah sie besorgt an. "Ich glaube, es geht schneller, wenn ich aufzähle, was damit in Ordnung ist," meinte Mac sarkastisch, "aber das sind meine Probleme und braucht Sie nicht zu belasten." Sie war dabei, die Mauer, die er gerade mühsam durchbrochen hatte, wieder zu errichten. Aber zumindest gab sie jetzt zu, daß sie tatsächlich ein Problem hatte. "Es belastet mich aber, Mac. Ich bin Ihr Freund und deshalb sind Ihre Probleme auch die meinen." erklärte Harm ernst. "Ich will aber nicht darüber reden und deshalb ist und bleibt es mein Problem." beharrte Mac. Harm schüttelte den Kopf. "Sie wollen aber reden, ich seh’s an Ihrer Lippe, sie hat sich mal wieder so komisch nach oben gewölbt, als Sie behauptet haben, Sie wollten nicht reden." entgegnete Harm und Mac konnte nicht feststellen, ob er scherzte oder es ernst meinte. "Okay, wenn Sie sich das wirklich antun wollen, Commander..." Mac seufzte, "aber zuerst noch eine Frage..." "Ich höre?" Harm sah sie aufmerksam an. "Werden Sie nach Stunden bezahlt oder nach Erfolgsquote, Doktor Freud?" fragte Mac und versuchte zu lächeln. Harm lachte. "Oh, für besondere Fälle habe ich besondere Tarife." meinte er lächelnd. "Besonders hoch oder besonders niedrig?" erkundigte sich Mac. "Maaac! Sie versuchen es schon wieder!" mahnte Harm. "Ich versuche was?" fragte Mac unschuldig. "Sie versuchen, abzulenken! Sie waren gerade dabei, mir zu erzählen, was mit Ihrem Leben nicht stimmt. Ich meine, Sie sind doch nicht besonders anspruchsvoll, alles was Sie vom Leben verlangen ist ein guter Beruf, einen Mann, den Sie lieben und ein Haufen bequemer Schuhe ..." Harm sah sie erwartungsvoll an. Mac seufzte erneut. "Bequeme Schuhe findet man immer seltener, Mic und ich haben uns getrennt und mein Beruf ... ich weiß nicht, irgendwie scheint mir in letzter Zeit alles unter den Fingern zu zerrinnen!" platzte es praktisch aus ihr heraus. Harm starrte sie an. "Was? Davon habe ich nichts gewußt, wirklich nicht, Mac, sonst hätte ich doch nicht..." Sie hatte sich von Brumby getrennt und er fragte sie auch noch, ob sie schwanger wär! "Toll, Rabb!" Mac zuckte die Schultern. "Sie haben ja auch noch nie Stöckelschuhe im Dienst tragen müssen." versuchte sie, die ganze Sache ins Komische zu retten, obwohl sie ganz genau wußte, daß Harm sich nicht auf das Aussterben bequemer Schuhe bezogen hatte. "MAC! Ich wußte nicht, daß Sie sich von Brumby getrennt haben. Warum haben Sie mir nichts davon erzählt?" "Oh, du wirst ja immer besser, Rabb! Mach ihr nur weiterhin Vorwürfe und treib sie in die Enge, dann wird sie schnurstracks zurück in ihr Schneckenhaus kriechen!" tadelte Harm sich selbst. "Im Übrigen sollte man nicht mit Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt, du hast ihr von deiner Trennung von Renée genauso wenig erzählt." "Was ist passiert?" erkundigte er sich möglichst ruhig. Hatte Brumby ihr etwa weh getan, hatte er die Hand gegen sie erhoben? "Wenn dieser verdammte Crocodile-Dundee ihr auch nur ..." Mac sah ihn scharf an. "Werfen Sie Ihren verdammten Beschützerinstinkt über Bord, jetzt sofort, Commander, oder das Gespräch ist beendet!" drohte sie zornig, "Wenn jemand den anderen verletzt hat, dann bin ich das gewesen. Ich habe Mic verletzt." Harm bemühte sich, sein undurchdringliches Gesicht, das er normalerweise für die Zeugenbefragung vor Gericht reservierte, aufzusetzen. Er wußte, daß Mac Recht hatte, aber er konnte nicht so einfach auf Kommando aufhören, sich Sorgen um sie zu machen. "Okay, ich hab den Beschützerinstinkt nun an der Leine. Werden Sie mir jetzt erzählen, warum Sie und Brumby sich getrennt haben?" bat er. Mac zögerte nur noch eine Sekunde. Sie hatte noch niemandem von der Trennung von Mic erzählt und langsam aber sicher fraß es sie, zusammen mit all ihren anderen Problemen, von innen her auf. Sie wußte, daß es einen psychisch fertig machen konnte, wenn man die Dinge zu lange für sich behielt und versuchte, sie für sich allein zu lösen. Sie wußte auch, daß sie immer noch dazu neigte, obwohl drei Jahre als Alkoholiker sie eigentlich eines besseren hätten belehren sollen. "Mic liebt mich nicht," begann sie leise, "er liebt das Ideal, das ich nie war und nie sein kann. Ich habe Mic gar nicht verdient." Harm atmete tief durch. "Einen Menschen zu lieben, heißt, ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat," zitierte er ernst, "Mic tut das, Mac, er liebt Sie wirklich." Mac war sprachlos. Das Letzte, was sie von Harm erwartet hatte, war, daß er, ausgerechnet er, Mics härtester Konkurrent, den Australier verteidigte. Sie hatte ihren besten Freund, wenn er es denn noch war, wieder einmal unterschätzt. Aber Harm war noch nicht fertig. "Und hören Sie endlich auf damit zu behaupten, Sie hätten ihn nicht verdient! Das ist purer Blödsinn, Mac!" fuhr er fort und klang fast wütend, "Nach allem, was Sie durchgemacht haben und was Sie trotzdem aus sich gemacht haben, haben Sie jedes bißchen Glück verdient, das Sie nur haben können! Ganz abgesehen davon ist Liebe kein Arbeitsvertrag, Mac, man muß sich nichts verdienen." fügte er etwas ruhiger hinzu. Mac sah ihn stumm an und biß die Zähne zusammen, um ihre Emotionen in Zaum zu halten. In ihren dunklen Augen schimmerte es verdächtig. Nach ein paar langen Sekunden seufzte sie. "Vielleicht ist gerade das der springende Punkt, Harm." Harm blieb still und sah sie nur fragend an. Er spürte, daß er sie jetzt nicht unterbrechen durfte. "Mic hätte meine Liebe wirklich verdient, aber ... ich habe ihn nicht geliebt, nicht wirklich, nicht so, wie er es sich erhofft hat. Was ich geliebt habe, das war nicht Mic als Person, das war die Stabilität, die er mir bot, die Hoffnung auf ein ganz normales Leben. Ich wollte das haben, was ich selbst als Kind nie besessen habe, eine Familie. Zum Glück habe ich noch rechtzeitig aufgehört, mich selbst zu belügen, bevor ich uns beide unglücklich gemacht hätte, Mic und mich. Mic hat mich erneut gefragt, ob ich ihn nicht endlich heiraten will, und da hab ich ihm stattdessen den Ring zurückgegeben." Mac seufzte erneut und spielte für einen Moment mit dem "Ehering", den sie nun trug. Harm sah kurz zu Boden. "Tut mir leid, daß es so gekommen ist, Mac." Er meinte es ernst, auch wenn er Brumby nie hatte ausstehen können. "Muß Ihnen nicht leid tun, daß ich praktisch beziehungsunfähig bin." brummte Mac, ohne ihn anzusehen. Harm hob den Kopf. Mac schien wirklich ihr ganzes Leben in Frage zu stellen und begegnete sich selbst mit unbarmherziger Kritik. "Mac, tun Sie das nicht, machen Sie sich nicht selbst so fertig. Sie sind nicht beziehungsunfähig!" "Oh, dann nennen Sie mir doch eine, nur eine einzige meiner Beziehungen, die gehalten hat!" Mac wartete einen Moment ab, bevor sie fortfuhr. "Sehen Sie, es fällt ihnen keine ein, weil es keine Beziehung gibt, die gehalten hat. Ich habe geheiratet, als ich 17, naiv und betrunken war und die Ehe hielt keinen Tag länger als mein Rausch. Wobei ich es aus irgendeiner blöden Sentimentalität 12 Jahre lang versäumt habe, mich scheiden zu lassen. Irgendwie habe ich wohl immer noch der Zeit hinterher getrauert, in der ich mich um nichts anderes sorgen mußte, als um die Bluse mit den wenigsten Knöpfen und den Alkohol mit den meisten Promille." Harm schwieg betroffen und ein wenig verwirrt. Bluse mit den wenigsten Knöpfen? Bedeutete es das, was er dachte, daß es bedeutete? "Hey, hey, hey, rotes Licht, Rabb!" sagte er zu sich selbst. "Aber damit natürlich noch nicht genug. Diese Ehe konnte ja auch nur in einer Katastrophe enden und das hat sie dann auch getan. Chris hat mich erpreßt und ich habe ihn erschossen. Immer noch der Meinung, ich sei nicht beziehungsunfähig, Commander?" "Mac ..." Doch Mac hörte nicht, es war fast, als hätte sie vergessen, daß er überhaupt da war und spräche nur zu sich selbst. Harm wußte, daß sie es zu lange alles für sich behalten hatte und daß sie jetzt darüber reden mußte, sonst würde sie einfach platzen. Also hörte er weiterhin zu. "Um das Chaos, das sich mein Privatleben nennt, perfekt zu machen, kam dann vor Gericht natürlich auch noch heraus, daß ich ein Verhältnis mit einem Vorgesetzten hatte, während ich formal gesehen noch verheiratet war. Das hat mir eine Abmahnung vom Admiral eingebracht, meine Beförderung wurde gestrichen und alle meine Freunde waren enttäuscht von mir, zurecht übrigens. Und Johns Karriere habe ich auch zerstört." "Mac, Sie haben nichts dergleichen getan. Farrow wußte, was er tat, er kannte die Konsequenzen und er war offenbar der Meinung, daß es alle möglichen Konsequenzen wert sein würde. Er hat Ihnen keine Vorwürfe gemacht. Und Ihre Freunde waren nicht enttäuscht von Ihnen. Ich ... ich war höchstens enttäuscht darüber, daß Sie mir nicht genügend vertrauten, um mir früher von ihrer Ehe und von Farrow zu erzählen. Aber letztendlich habe ich das mir, ganz allein mir zuzuschreiben. Ich habe Ihr Vertrauen oft genug mißbraucht." wandte Harm ein. Mac sah ihn mit großen Augen an. "Das ist Unsinn, Harm. Sie haben mein Vertrauen nie mißbraucht, nicht ein einziges Mal." "Ach, nein? Es fing schon damit an, als wir uns das erste Mal vor Gericht gegenüberstanden. Wissen Sie noch, wie ich Sie mit dieser stahldurchdringenden Kugel reingelegt habe?" erinnerte Harm. Mac schüttelte entschieden den Kopf. "Da haben Sie mein Vertrauen nicht mißbraucht. Ich mußte einfach lernen, Beruf und Privatleben zu trennen. Vor Gericht zählen die Interessen des Mandanten und nicht die Beziehung zum gegnerischen Anwalt. Ich habe diese Lektion lieber von Ihnen gelernt als von jemand anderem." Harm lächelte und war überrascht, daß sie so dachte. "Okay, das ist eine Sache. Aber habe ich nicht Ihr Vertrauen mißbraucht, als ich mich der Augenoperation unterzog und wieder zum Fliegen zurückkehrte, ohne es Ihnen vorher zu sagen?" Mac sah ihn ernst an. "Ja, das hat mich verletzt," gab sie offen zu, "weil es zu einer Zeit kam, als ich das Gefühl hatte, daß mein ganzes Leben auseinanderbricht, daß alle mich verlassen." "Genau wie jetzt." dachte sie bitter. "Aber ich habe immer verstanden, was Ihnen das Fliegen bedeutet hat. Sie haben das Cockpit nicht freiwillig verlassen und Sie wollten sich und Ihrem Vater beweisen, daß Sie es noch immer können. Sie wollten, daß es Ihre Entscheidung ist, ob Sie aufhören oder nicht." Harm war fast ein wenig erstaunt darüber, wie gut sie ihn verstand. Aber dennoch: "Trotzdem ändert das nichts daran, daß mein Weggang von JAG der Anfang vom Ende unserer Freundschaft war." sagte Harm traurig. "Ich war nur 6 Monate weg, aber es hätten ebensogut 6 Jahre sein können. Alles hatte sich verändert." "Sprechen Sie von unserer Freundschaft oder von Ihrer Karriere?" fragte Mac. "Was Sie so stört, ist doch viel eher, daß Sie nach Ihrer Rückkehr nicht mehr die große Nummer eins bei JAG waren, oder? Ich bekleidete einen höheren Rang als Sie und Mic hatte Ihr Büro und Ihren Platz bei JAG übernommen. Nicht leicht für jemanden, der es gewohnt ist, immer und überall der Beste zu sein, hm?" In ihrer Stimme mischten sich Ärger und Sanftheit auf eine seltsame Weise. Harm sah sie erneut an. Wenn er ganz ehrlich war, dann traf sie mit diesen Bemerkungen den Nagel auf den Kopf, mit allen Bemerkungen bis auf einer. "Natürlich geht es mir auch um unsere Freundschaft und nicht nur um meine Karriere. Ich mußte bei meiner Rückkehr feststellen, daß Sie mich völlig aus Ihrem Leben gestrichen hatten." Jetzt starrte Mac ihn an. "ICH habe SIE aus meinem Leben gestrichen? Verwechseln Sie da nicht eine Kleinigkeit, Commander? SIE haben sich bis auf ein paar E-Mails doch nie bei MIR gemeldet!" Jetzt war sie wirklich verärgert. "Es ist eben nicht jedermanns Sache, seine Gedanken so einem unpersönlichen Computer anzuvertrauen. Sie wissen doch, wie das ist, Mac." verteidigte sich Harm. "Weiß ich das? Ich weiß nur, daß Sie alles andere vergessen hatten, sobald Sie wieder den Steuerknüppel Ihrer Tomcat in der Hand hatten, alles, inklusive Ihrer Freunde bei JAG." "Ich könnte meine Freunde nie vergessen, nicht einen einzigen Tag lang," sagte Harm fest, "aber Sie haben Ihr Leben ja auch ganz gut ohne mich weiter gelebt. Sieht eher so aus, als ob Sie MICH vergessen hätten, sonst hätten Sie mir doch schon früher von Ihrer Beförderung erzählt. SIE haben doch nichts gegen E-mails, oder?" Jetzt war es an Harm, Vorwürfe zu erheben. "Ich habe Ihnen schonmal gesagt, daß ich Ihnen meine Beförderung nicht absichtlich verschwiegen habe. Ich wollte Ihnen eben einfach nur nicht das Gefühl geben, Sie hätten sich Ihre beruflichen Chancen zunichte gemacht, als Sie von JAG weggingen. Ich wußte, daß Sie es schwer genug hatten, sich wieder an Bord eines Flugzeugträgers unter lauter jüngeren Piloten zurechtzufinden." erklärte Mac. Harm nickte. "Okay, Counsellor, dem Einwand wird stattgegeben. Aber Tatsache bleibt, daß Sie mir auch nach meiner Rückkehr zu JAG mehr als einmal zu verstehen gaben, daß mich Ihr Privatleben nichts mehr angeht. Wir konnten nicht mehr zusammen scherzen, nicht mehr reden, Sie haben mir schlicht gesagt einfach nicht mehr vertraut." Stattdessen war da Brumby gewesen. Das wurmte ihn mehr, als er je zugegeben hätte. "Sehen Sie, jetzt läuft wieder alles darauf hinaus: Vertrauen. Harm, ich hatte Vertrauen zu Ihnen, ich weiß, daß man sich immer auf Sie verlassen kann. Alle Ihre Mandanten wissen es, Ihre Familie und Ihre Freunde. Wenn ich Ihnen nichts von meiner Ehe erzählt habe, dann nicht aus Mangel an Vertrauen, sondern nur, weil ich nicht wollte, daß Sie schlecht von mir denken und weil ich beschämt war. Sie haben mich erlebt, als ich betrunken war und Sie wissen, wie ich dann bin. Ich bin nicht gerade stolz auf die Person, die ich war, als ich mit Chris verheiratet war." "Ich könnte niemals schlecht von Ihnen denken, wegen etwas, das Sie waren oder nicht waren, Mac. Ich bewundere Sie für das, was Sie TROTZDEM geworden sind. Nein, den schlechten Eindruck bekam ich erst dann, als ich Sie um drei Uhr nachts aus dem Gefängnis holen mußte. Erst dann haben Sie sich nämlich wieder daran erinnert, daß es mich ja auch noch gibt." sagte Harm etwas bitter. "Ständig beschweren Sie sich darüber, daß ich Ihnen nicht vertraue und mich weigere, Ihre Hilfe anzunehmen und wenn ich dann in der Klemme stecke und es tue, ist es auch nicht recht?" knurrte Mac. "Außerdem haben Sie sich auch erst wieder an meine Adresse erinnert, als Sie jemanden brauchten, der Sie vor der Polizei versteckt!" "Wofür ich Ihnen auch dankbar war und mich revanchierte, indem ich vor dem Admiral für Sie eintrat, als und nachdem Sie zu JAG zurückkehrten." verteidigte sich Harm, etwas überrascht darüber, wie tief ihn ihre Vorwürfe trafen. "Spielen wir jetzt das „Wer-hat-mehr-für-wen-getan-Spiel?" fragte Mac ironisch. Harm studierte ihr Gesicht. Erst jetzt wurde ihm so richtig bewußt, wieviele Mißverständnisse und verletzte Gefühle es zwischen ihnen gab. "Nein, das tun wir nicht, ich weiß, daß Sie es gewinnen würden." sagte er plötzlich ehrlich und lächelte freimütig. Ihm war bewußt, daß er all das, was sie schon für ihn getan hatte, kaum wieder gut machen konnte. "Auch Freundschaft ist kein Arbeitsvertrag, Harm," erinnerte Mac als könne sie seine Gedanken lesen, "es geht nicht darum, wer mehr für den anderen getan hat, es geht allein darum, daß man füreinander da ist, wenn man sich braucht." Harm lächelte erneut. "Dann war es wohl eine gute Freundschaft, oder?" Mac nickte. Sie lächelte nicht. Das WAR klang zu schmerzhaft und zu endgültig in ihren Ohren. "Warum weigerten Sie sich dann die ganze Zeit über so hartnäckig, meine Hilfe anzunehmen, obwohl Sie sie ganz offensichtlich brauchen könnten?" fragte Harm nach einer Weile. "Ich meine, diese ganzen Probleme und Sorgen, die Sie da mit sich herumschleppen, die haben Sie doch schon eine ganze Weile und sie sind nicht kleiner geworden, im Gegenteil. Sie hätten früher mit jemandem reden sollen, vielleicht hätte es Ihnen geholfen." "Ja, vielleicht," gab Mac zögernd zu, "aber ich wollte niemanden mit meiner Jammerei belästigen und ich kam mir einfach blöd vor, daß ich diesen ganzen alten Mist immer noch nicht so richtig verarbeitet hatte." Jetzt hätte Harm sie am liebsten einmal aufmunternd in den Arm genommen, aber er hielt sich zurück. Sie sollte nicht das Gefühl bekommen, er halte sie für schwach, nur weil sie ihm von ihren Problemen erzählte. Er wußte, daß Mac eine Frau voller Gegensätze war. Sie war willensstark, tough und professionell, aber zugleich sensibel. Sie war mutig und selbstbewußt, aber auch zurückhaltend und reserviert. Man brauchte lange, um sie wirklich kennenzulernen. Sie brauchte jemanden in ihrem Leben, der sie so akzeptierte, wie sie war, mit allen ihren Facetten; den Colonel, Mac und Sarah, den Marine, die Anwältin und die junge Frau. "Mac, das ist keine Jammerei und auch kein alter Mist, sondern es sind Ereignisse, die einen für immer prägen. Es ist nur natürlich, daß man soetwas nicht so schnell verarbeiten kann. In den letzten zwei Jahren ist einfach zuviel in Ihrem Leben passiert. Der Tod von Dalton und Chris, die Anklage gegen Sie, die Sache mit Farrow, dann die Abmahnung. Sie mußten hart kämpfen, ehe Sie Ihre Karriere wieder da hatten, wo sie gewesen war. Schließlich der Tod Ihres Vaters und das plötzliche Wiedersehen mit Ihrer Mutter. Sie haben das alles ganz alleine durchgestanden und darauf können Sie stolz sein. Ich fürchte, Mic und ... ich waren Ihnen da keine große Hilfe, was?" Er grinste schwach. "Wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, uns wie streitlustige Gockel zu benehmen." warf er sich selbst vor. Mac seufzte. "Sieht so aus als würde ich Probleme sammeln wie andere Leute Briefmarken. Ich habe mir eingebildet, alleine damit fertig zu werden. Ich konnte mir einfach nicht eingestehen, daß ich ... Hilfe brauchte. Aber Probleme verschwinden nicht einfach, nur weil man sie ignoriert, ganz im Gegenteil. Meine jedenfalls summierten sich immer mehr. Trotzdem bin ich sicher, ich wäre damit fertiggeworden, das bin ich auch früher schon, auf die eine oder andere Weise." fügte sie leise hinzu. Wodka war nicht gerade ein erfolgreicher Coping-Mechanismus. "Aber?" fragte Harm sanft. "Aber, wenn man sich zuviel mit seinen Problemen auseinandersetzt, ist das auch nicht besonders hilfreich. Seit ... 2 Monaten habe ich ..." "Haben Sie Probleme, einzuschlafen?" beendete Harm ihren Satz, als sie zögerte. Mac nickte. "Ich liege da und grüble, ohne es zu wollen. Ich kann die Gedanken in meinem Kopf einfach nicht stoppen. Ich weiß, es hört sich verrückt an, aber je mehr ich versuche, endlich einzuschlafen, desto länger liege ich wach. Ich schlafe in kaum einer Nacht mehr als drei oder höchstens vier Stunden." Harm sah sie mitfühlend an. Nach seinem Absturz bei der Nachtlandung, bei dem sein Jägerleitoffizier getötet worden war, hatte er eine Weile auch an Schlaflosigkeit gelitten. Er wußte, wie quälend dieser Mahlstrom von Gedanken sein konnte, der begann, sobald man die Augen schloß. Jetzt wunderte ihn Macs Appetitlosigkeit und ihre ständige Gereiztheit nicht mehr. "Aber was alles noch viel schlimmer macht ..." murmelte Mac mehr zu sich selbst. "Ja?" ermutigte sie Harm. "Normalerweise hätte ich das alles meinem besten Freund anvertrauen können, aber ..." Mac brach zögernd ab. Wieso in drei Teufels Namen diskutierte sie das ausgerechnet mit ihm? "Aber?" Harm sah sie erwartungsvoll an. Er hoffte, daß sie ihm, nachdem sie ihm nun schon alles andere erzählt hatte, auch noch dieses letzte Problem anvertrauen würde. Mac atmete tief durch. "Aber ich habe diese Freundschaft zerstört." sagte sie dann leise und in eine andere Richtung sehend. Für einige Sekunden wußte Harm nicht, was er tun oder lassen, sagen oder nicht sagen sollte. Als er schließlich den Mund öffnete, klopfte es. "Nicht jetzt!" murmelte er. Es klopfte erneut, diesmal drängender. "Ja?" rief Harm laut und ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit - nicht eben freundlich. *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *» *»
08: 02 Z-Zeit (22: 02 Uhr Alaskan Time) Anna Tschechow öffnete die Tür. "Wo ist Nikolai?" fragte nein, brüllte sie. Harm sah sie verwirrt an. "Ähm, woher soll ich denn das wissen? Ist er denn nicht ..." "Nein, ist er nicht. Laufen Sie zum Teufel mit Ihrem ahnungslosen Getue, ich habe doch heute mittag gehört, wie Sie mit Ihm gesprochen haben!" warf Anna ihm aufgebracht an den Kopf. "Gehen Sie zum Teufel," korrigierte Harm automatisch, "es heißt, gehen, nicht laufen." "Schön, dann GEHEN Sie eben zum Teufel!" fauchte Anna. Sie wollte die Tür wieder schließen, als Harm langsam zu dämmern begann, wovon sie sprach. "Moment, Sie sagten, Nikolai sei verschwunden? Seit wann, Anna? Und wo sind die Akimotos?" fragte er rasch. Mac starrte ihn an. "Harm, S ... du hast doch nicht ... du hast doch nicht Nikolai in die ganze Sache eingeweiht?" Harm zuckte die Schultern. "Jemand mußte doch auf die Akimotos aufpassen, während ich hier beschäftigt war," meinte er, "ich habe ihm nicht gesagt, um was es genau geht, nur, daß er sie nicht aus den Augen lassen darf." "Eingeweiht? Eingeweiht in was, Commander Roberts?" verlangte Anna zu wissen. "Keine Zeit für Erklärungen, Anna, Ihr geliebter Ehemann könnte in Gefahr sein." Er betonte das Wort EHEMANN auf eine Weise, die ihr sagte, daß er Bescheid wußte. Das dämpfte ihren Zorn etwas. "Also: Seit wann ist Nikolai verschwunden und wo sind die Akimotos?" "Die Akimotos sind nochmal weggefahren, nachdem Sie eine Funknachricht von Ihrer Firma bekommen haben und Nikolai ist kurz danach verschwunden. Das war vor 20 Minuten." erklärte Anna. "Sie kennen nicht zufällig den Inhalt dieser Funknachricht?" fragte Harm. "Ich habe Sie entschlüsselt, nachdem ich vermutete, daß Nikolais Verschwinden damit zu tun haben könnte." gestand Anna Tschechow. "Unter normalen Umständen wäre er nie einfach weggefahren, ohne mir eine Nachricht zu hinterlassen. Die Funkbotschaft lautete, die Akimotos sollten die Fracht um 23 Uhr zu diesen Koordinaten bringen." Sie kritzelte ein paar Zahlen auf einen Zettel. Mac nahm Harm das Stück Papier aus der Hand. "Das muß diese zweite Hütte sein, von der Olaf mir erzählt hat! Sie ist etwa eine halbe Stunde von hier entfernt." "Ja, mit einem Motorschlitten vielleicht," brummte Anna, "aber die Akimotos und Nikolai haben die beiden einzigen Motorschlitten genommen, die uns momentan zur Verfügung stehen." Noch während der Diskussion war Mac aus dem Bett und in ihre warme Pelzkleidung gestiegen, ohne sich vorher die Mühe zu machen, ihren Pyjama auszuziehen. Bevor Harm richtig erfaßte, was sie da tat, hatte sie bereits die Stiefel an und griff nach ihren Handschuhen. "Na los!" rief sie den beiden anderen zu, "mit Olafs Hundeschlitten brauchen wir mindestens eine Dreiviertel Stunde, es wird also knapp." Harm rannte hinter ihr her und verzichtete darauf, auch nur zu versuchen, sie zurück ins Bett zu schicken. Er hätte nur Zeit verloren, ohne irgendetwas zu erreichen. Außerdem war Mac hier die Schlittenhunde-Expertin. Innerhalb von zwei Minuten war der Schlitten entladen und die Hunde eingespannt. "Los rauf!" rief Mac den beiden anderen zu und griff nach der Lenkstange, während sie den Fanghaken löste. Die Hunde sausten los, frisch und ausgeruht. "Welche Fracht ist so wichtig, daß die Akimotos mitten in der Nacht einen Hubschrauber ihrer Firma treffen müssen und Nikolai ihnen folgt?" schrie Anna gegen den Fahrtwind und das Knirschen des Schnees an. Harm sah zu, wie Mac den Schlitten mit zwei schnellen, kräftigen Tritten über eine Schneewehe beförderte und erneut beschleunigte. "Dieser Marine!" dachte er bewundernd. "Menschenfracht," erwiderte er auf Annas Frage, "wir haben den Verdacht, daß die Reardons nicht tot, sondern nur untergetaucht sind." "Ja, aber wir haben uns geirrt," rief Mac von ihrem Platz hinter der Lenkstange, "nicht die Reardons haben die Akimotos überzeugt, ihnen beim Untertauchen zu helfen die Sache ging von den Japanern aus. Die Firma der Akimotos hat vermutlich eine Menge Geld geboten, wenn sie ihre Forschungen über die Stealth-Technik für sie zuende bringen, während sie als Angestellte der Navy nur weiterhin ihren Sold bekommen hätten. Also täuschten sie einfach ihren Tod vor." "Und Nikolai hat keine Ahnung von alldem? Er weiß nicht, in was er da hineinläuft?" fragte Anna beunruhigt. Ihre von Natur aus schon helle Haut war noch bleicher als sonst. "Nein," erwiderte Mac, "aber wenn wir Glück haben, sind wir da, bevor irgendetwas passiert. Ich fahre eine Strecke, die sie mit den schweren Motorschlitten nicht nehmen können." Sie hoffte, daß ihr Orientierungssinn ebenso gut war wie ihre innere Uhr, schließlich war sie die Strecke nur ein einziges Mal gefahren und das auch nicht bei Nacht. TBC |