Cold as Ice

Author: Sandra Gerth
Rating: PG (General/Action/Drama/Angst)
Spoiler: "Silent Service"; "Ein Held vor Gericht"; "Rendezvouz mit dem Tod", "Boomerang" (Spielt gegen Ende der 5. Staffel.)
Disclaimer: Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.
Summary: Ausgerechnet als Harm und Mac sich nur noch streiten, wird ihnen ein neuer Auftrag zugewiesen und es ist kein Aufenthalt auf einem U-Boot, sondern schlimmer.


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Chapter 9

06: 21 Z-Zeit (20: 21 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Es war schon seit Stunden dunkel. Die Forscher hatten bereits zu Abend gegessen, diesmal Japanisch. Die Wissenschaftler hatten Harms Geschicklichkeit im Umgang mit den Eß-Stäbchen gelobt und er hatte lässig grinsend erwidert, er könne mit allem umgehen, was dem Steuerknüppel einer T ... einer Stearman ähnelte.

Harm hatte in den letzten Tagen seine psychologischen Gespräche fortgesetzt, aber außer den Eheproblemen der Daniels und Nikolais unerwiderter Liebe zu seiner Partnerin gab es nichts, was man hätte therapieren müssen. Nichts - außer dem Therapeuten selbst. Jedenfalls, was die letzten Stunden anging. Olaf und Mac waren schon seit Stunden überfällig und Harms Sorge stieg mit jeder Minute. Auch Nikolais gutgemeinter Hinweis, es hätte in der Nacht Neuschnee gegeben, der das Vorwärtskommen behinderte, verminderte seine Unruhe nicht etwa, sondern schien sie eher noch zu vergrößern. Sein "verdammter Beschützerinstinkt" meldete sich mit zunehmender Intensität. Im Geiste malte er sich tausende von Dingen aus, die Mac und ihrem Begleiter in der Wildnis zugestoßen sein konnten. Vielleicht war Mac krank geworden und konnte nicht mehr weiter oder Olaf war etwas zugestoßen und sie fand allein nicht mehr zurück oder der Mörder der Reardons war noch irgendwo dort draußen ...

Harm riß sich zusammen. Es war doch sonst nicht seine Art, derart paranoid zu sein! Aber eines war sicher: Wenn sie nicht bald von Mac und Olaf hörten, würde er sich einfach einen der Motorschlitten nehmen und ...

Harm sah auf, als Yoshiaki Nishida hereinkam. "Hallo, Ronin." grüßte Yoshiaki. Diese Bezeichnung für einen herrenlosen Samurai hatte Harm sich in den letzten beiden Tagen des öfteren anhören müssen. "Sieht so aus, als wären Ihre Tage als Strohwitwer gezählt, da draußen kommt Olafs Schlitten." berichtete der Japaner lächelnd.

Harm setzte sich sofort in Bewegung.

Innerhalb einer Minute waren die Wissenschaftler von überall her aus dem Gebäude gekommen und trafen sich vor dem Hauptgebäude, wo Olaf gerade die Hunde ausspannte.

Harm sah Mac sofort, als er aus dem Haus trat. Sie kniete im Schnee und half Olaf, die Pfoten der Hunde zu untersuchen. Man sah, daß sie es auf dieser Fahrt schon öfter gemacht hatte, sie wußte, worauf es dabei ankam. Der weiße Kranz der Fellkapuze umrahmte ihr Gesicht mit den Augen, die so dunkel und geheimnisvoll wie die arktische Nacht waren. Einen Moment lang kam sie Harm beinahe fremd vor.

Der Schatten der Kapuze verbarg den Ausdruck ihrer Augen und ihres Gesichts, aber Harm benötigte diese Hinweise nicht, um zu wissen, wie es um sie stand. Es war gar nicht nötig, ihr Gesicht zu sehen. Er kannte sie. Allein die kerzengerade Linie, die ihr Rücken bildete, sagte ihm genug. Die anderen mochten Macs aufrechte Haltung für ein Zeichen von Kraft und Wachheit halten, aber Harm wußte, daß es das genaue Gegenteil anzeigte. Wenn überhaupt, so war es nur ein Zeichen ihrer Dickköpfigkeit.

Obwohl die anderen sich vielleicht darüber wunderten, daß er seine Frau nicht sofort in den Arm schloß, verharrte Harm in seiner Position neben der Türe. Nur sein Blick war unentwegt auf Mac gerichtet, um ihr Befinden und ihre Stimmung abzuschätzen. Er wußte, daß Mac es nicht anders würde haben wollen. Obwohl es eine Zeit gegeben hatte, als Mac nicht gezögert hatte, ihn vor allen Leuten zu umarmen. Harm dachte an den Tag, als sie JAG verlassen hatte, um in Daltons Firma zu arbeiten, er erinnerte sich an ihren Abschied, bevor er in den Flugdienst zurückgekehrt war, an die Siegesumarmung, als man ihn des Mordes freisprach und an den Iran. Jetzt jedoch war alles anders. Harm wünschte, er wüßte, was genau ALLES überhaupt war.

Mac nahm ihren Schlafsack vom Schlitten und drehte sich um. Ihr Blick begegnete Harms und für einige Sekunden kommunizierten sie stumm miteinander, ohne daß ein anderer erfassen konnte, worum es in diesem unhörbaren Gespräch ging.

"Alles in Ordnung?" fragte Harms besorgter Blick.

"Ich bin okay," signalisierte Macs Blick ein wenig trotzig, "ich muß mit Ihnen sprechen."

Harm wußte sofort, daß es etwas Neues in ihrem Fall gab. "Okay." antworteten seine Augen.

"Hi, Sarah." sagte er laut, als sie neben ihm stand und umarmte sie kurz, nur für ihre Zuschauer, denn sie hatten schon zuvor ihre eigene kleine Privatbegrüßung gehabt, ohne daß jemand es bemerkt hatte.

Alle gingen nach innen und Olaf nahm Marianka Pedowkins Angebot an, ihm die Reste des Abendessens aufzuwärmen. Mac jedoch schüttelte den Kopf. "Ich glaube, ich gehe ins Bett." erklärte sie. Sie wirkte müde. Zuvor hatte das Adrenalin sie auf den Beinen gehalten, jetzt wollte sie nur noch einige Aspirin und ein Bett.

Harm sah ihr besorgt nach. "Ist sie wirklich okay?" fragte er Olaf.

"Sie behauptet es jedenfalls. Sie hat sich verdammt wacker gehalten, das muß ich zugeben. Und dickköpfig ist sie wie ein Rudel ausgewachsener Wölfe! Sie hätten mich warnen sollen." meinte der Hundeschlittenführer.

"Hey, das hab ich doch!" verteidigte sich Harm, "Ich hab Ihnen gesagt, daß Sie ein Marine ist, oder nicht?" Er erlaubte sich ein stolzes Grinsen. Mac konnte es ja nicht sehen. "Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich glaube, ich sollte mal nach meiner dickköpfigen Frau sehen."

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06: 38 Z-Zeit (20: 38 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Harm betrat leise ihr Quartier. "Mac?"

Keine Antwort.

Im Badezimmer brannte Licht und die Tür stand offen. Zögernd trat Harm näher.

Mac stand vor dem Waschbecken, in T-Shirt, aber noch in der fellbesetzten Lederhose und ...

Harm stoppte abrupt und starrte sie an. Sie hielt eine Flasche in der Hand, deren Inhalt unmißverständlich war. Alkohol. Starker Alkohol.

Mac drehte sich um, als hätte sie seine Anwesenheit oder seinen bohrenden Blick in ihrem Rücken gespürt. Ihre Augen folgten automatisch seinem Blick zu dem Gegenstand in ihren Händen.

"Mac?" Harm sah sie unsicher an. Er wollte einfach nicht glauben, was er da sah. War das der Grund für ihre Appetitlosigkeit, den Schlafmangel und ihre ständige Gereiztheit? Hatte sie wieder zu trinken begonnen? Und er, ihr Freund, hatte es nicht verhindert, hatte es nichteinmal bemerkt!

"Was soll dieser Blick, Harm?" fragte Mac, gefangen zwischen Irritation und Ärger. Sie verstand die Sorge und die Schuld in seinen Augen nicht. Dann sah sie erneut zu der Flasche und langsam dämmerte es ihr. "Sie glauben doch nicht im Ernst, daß ich ...? Oh, danke für Ihr Vertrauen in mich, Commander!" fauchte sie dann, nun eindeutig wütend.

Diesmal war Harm froh über ihre Wut. Sie hatte also keinen Rückfall erlitten? "Mac, was hätten Sie gedacht, wenn Sie mich in einer solchen Situation mit einer Flasche Alkohol im Badezimmer vorgefunden hätten?"

"Sicher nicht, daß Sie heimlich trinken!" knurrte Mac.

"Ja, aber der Unterschied zwischen uns beiden ist, daß ich nicht heimlich trinken muß." erinnerte Harm sanft, aber offen und ehrlich. Es würde nichts nutzen, wenn er um den heißen Brei herumredete. Eine wahre Freundschaft mußte ein wenig Offenheit vertragen können. Harm hoffte, daß das, was ihn mit Mac verband, noch immer eine wahre Freundschaft war.

"Der Unterschied zwischen uns beiden ist, daß Sie keine zerschundenen Hände haben!" gab Mac ungehalten zurück. "Ich habe den Alkohol lediglich benutzt, um sie wieder beweglich zu machen."

Harm glaubte ihr sofort. "Schon gut, Mac, ich wollte nicht andeuten ..."

"Oh, nein, Commander, angedeutet haben Sie nichts. Sie waren vernichtend direkt mit Ihren Verdächtigungen!" fauchte Mac.

Harm stöhnte innerlich. Ihre Laune hatte sich in den letzten Tagen nicht verbessert, soviel war sicher. Er beschloß wie schon zuvor, wenn möglich einfach über ihre miese Stimmung hinwegzusehen. "Und?" fragte er nach einer Weile, "Wie ist es Ihnen ergangen?"

"Wir waren bei der Bohrstelle der Reardons und ..."

"Mac! Ich will zuerstmal wissen, wie es Ihnen geht!" unterbrach Harm. Offensichtlich hatte sie seine Frage falsch verstanden.

"Mir geht’s gut." behauptete Mac nach wie vor. "Also, wir waren ..."

"MAC!" rief Harm warnend. "Sie sehen aber nicht gut aus, also raus mit der Wahrheit!"

"Entweder Sie lassen mich jetzt endlich aussprechen oder Sie werden die Wahrheit über die Reardons nie erfahren!" drohte Mac aufgebracht.

Harm gab nach. Langsam war er geübt darin. "Okay, Sie können mir alles erzählen, nachdem Sie geduscht haben und im Bett liegen." Er ging hinaus, bevor Mac widersprechen konnte.

Eine halbe Stunde später kam Mac im Pyjama aus dem Badezimmer und zu Harms Erstaunen steuerte sie wirklich ohne weitere Proteste das Bett an und schlüpfte unter die Decken. Sie mußte wirklich erschöpft sein!

"Sie werden nicht erraten, was wir gefunden haben!" begann sie und das professionell-enthusiastische Leuchten in ihren Augen verdrängte die Müdigkeit.

"Wie ein Spürhund, der die Beute wittert." dachte Harm amüsiert. "Ich hab auch nicht vor zu raten, Sherlock, Sie werden es mir sicher gleich erzählen." Was hatten sie an der Bohrstelle gefunden? Leichen? Die Tatwaffe?

"Was wir gefunden haben, ist eigentlich gar nicht so interessant." erklärte Mac weiter.

"Ach ja? Darum also dieser Enthusiasmus?" spottete Harm lächelnd.

"Interessant ist vielmehr, was wir nicht gefunden haben." fuhr Mac fort und ignorierte einfach, was Harm gesagt hatte. "Vorräte."

"Was?" Harm konnte ihrem Gedankengang nicht so schnell folgen.

"Wir haben keine Vorräte gefunden." wiederholte Mac in einem Tonfall, als spräche sie zu einem Kind, das nicht begreifen wollte, daß eins und eins zwei ergab. "Die Reardons wurden nicht ermordet."

Harm verschränkte die Arme vor der Brust. "Jetzt nehmen Sie mich aber auf den Arm, Mac!" Skeptisch sah er sie an.

"Wenn ich das könnte, wäre ich Gewichtheber beim Zirkus." entgegnete Mac trocken. "Harm, es ist doch offensichtlich. Die Reardons hatten Vorräte für zwei Tage dabei und nun sind diese Vorräte spurlos verschwunden genau wie die Reardons selbst."

"Kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit einer der berüchtigten Bud-Roberts-Theorien, bitte. Ich glaube kaum, daß Aliens die Reardons entführt hätten, weil sie so scharf auf Büchsenfleisch waren. Der Mörder könnte die Vorräte mitgenommen haben." wandte Harm ein.

"Aus welchem Grund? Wenn er die Vorräte gebraucht hätte, dann hätte er doch sicher auch ihren Gaskocher mitgenommen, oder nicht? Ganz abgesehen davon, daß es ziemlich schwierig sein dürfte, die Vorräte und die beiden Leichen wegzuschaffen," argumentierte Mac und stützte sich auf einem Ellenbogen auf.

"Vielleicht war der Mörder deswegen gezwungen, das Zelt, den Gaskocher und die Parkas der Reardons dazulassen." meinte Harm.

"Vielleicht wollte er damit aber auch nur alle glauben machen, die Reardons wären tot, niemand kann da draußen lange ohne warme Kleidung überleben." Mac wußte jetzt, von was sie sprach.

"Was genau ist es also, was Sie mir da erzählen wollen?" hakte Harm nach. Er beobachtete mit einem Anflug von Sorge wie Mac die Knie anzog und die Decke enger um sich zog, als friere sie.

"Wir suchen hier nach einem Mörder, den es gar nicht gibt." erklärte Mac überzeugt. "Die Reardons sind nicht tot, sondern haben nur Spuren zurückgelassen, die das alle glauben lassen sollten. Dann haben sie ihre Vorräte genommen und halten sich nun an irgendeinem Ort auf, wo sie weder den Gaskocher, noch ihre Parkas brauchen. Vielleicht hat man ihnen auch Ersatzkleidung gebracht."

Harm sah sie zweifelnd an. "Man?"

"Ich glaube nicht, daß sie ihr Verschwinden alleine geplant haben. Überlegen Sie mal, Harm: Die Reardons hatten Vorräte für zwei Tage dabei, aber inzwischen ist es schon über eine Woche her, seit sie verschwunden sind. Jemand muß sie also mit Vorräten versorgen." erläuterte Mac.

"Angenommen Ihre Theorie stimmt ... Das würde bedeuten, daß jemand von der Station den Reardons geholfen hat, unterzutauchen. Wobei mir immer noch nicht klar ist, welchen Grund die Reardons gehabt haben könnten, zu verschwinden und warum jemand Interesse daran haben könnte, ihnen dabei zu helfen. Ich meine, die beiden standen kurz vor einer großartigen Entdeckung für die Navy und hätten dafür sicher eine Auszeichnung erhalten. Wieso sollten sie also ..." Harm brach ab und dachte nach. "Moment, ich bin gleich wieder da ..."

Ohne auf Macs Proteste zu achten, verließ Harm einfach ihr Quartier. Als er 10 Minuten später zurückkam und leise eintrat, bemerkte er, daß Mac sich regelrecht auf dem Bett zusammenkauerte. Er setzte sich auf die Bettkante und sah sie besorgt an.

Mac straffte sich sofort, als sie bemerkte, daß er zurück war.

"Nur keine Schwäche zeigen, hm?" dachte Harm zugleich innerlich lächelnd, weil es so typisch für Mac war, aber gleichzeitig auch besorgt und ein wenig traurig darüber, daß sie es für nötig hielt, vor ihm den "starken Marine" zu spielen. "Mac?" Er hielt ihr einladend eine Tasse heißen Tee hin und widerstand tapfer der Versuchung, ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Sie sah so unglaublich müde aus!

Mac nahm die Tasse wortlos entgegen und nickte ihm ein kurzes "Danke" zu. Sie trank wie eine Verdurstende, obwohl der Tee noch viel zu heiß war. "Wo waren Sie? Ich meine, Sie sind doch nicht so plötzlich losgegangen, nur um mir eine Tasse Tee zu holen, oder?" wollte sie wissen.

"Nein, aber es gab mir eine gute Entschuldigung, was ich in der Küche zu tun hatte. Während das Teewasser kochte, habe ich das hier aus dem Mülleimer gefischt." erklärte Harm und hielt ihr einen Fetzen Packpapier hin.

Mac erkannte es fast sofort. "Das ist das Paket, in dem die Briefe der Wissenschaftler waren, ja und?"

"Sehen Sie sich das Ausgabedatum an, 19. Oktober." sagte Harm. Der 19. Oktober war der Tag gewesen, an dem Harm und Mac hier in Alaska angekommen waren, vor mittlerweile vier Tagen. "Die Akimotos haben die Post aus Barrow mitgebracht, erinnern Sie sich?" fuhr Harm fort.

Mac nickte und rappelte sich in eine halb sitzende Position auf. "Und?"

"Die Akimotos sind erst am 21. Oktober hier angekommen. Von Barrow aus braucht man mit dem Motorschlitten aber nichtmal einen Tag bis zur Station." erklärte Harm bedeutsam. Langsam begann er ein Muster hinter der ganzen Sache zu sehen.

"Vielleicht haben Sie noch einen Zwischenstop an einer ihrer Erz-Ausgrabungsstellen eingelegt, nachdem sie die Post abgeholt hatten." wandte Mac ein. Jetzt hatten sie die Rollen gewechselt und Harm präsentierte seine Theorie, während Mac sie auf Schwachstellen abklopfte, sie fielen ganz automatisch in diese produktive Art der Zusammenarbeit zurück.

Harm schüttelte den Kopf. "Ich hab mir auf der Karte angesehen, wo ihre Untersuchungsgelände liegen. Es wäre ein gewaltiger Umweg gewesen. Nein, sie waren an ihren Ausgrabungsstellen, bevor sie nach Barrow gefahren sind. Schließlich sind Sie schon kurz nach dem Verschwinden der Reardons aufgebrochen und hatten genügend Zeit."

"Wo waren sie also am 20. Oktober, das ist die Frage." überlegte Mac.

Sie wechselten einen Blick und sagten gleichzeitig: "Bei den Reardons."

"Wo immer die auch sind," fügte Harm nachdenklich hinzu, "Okay, lassen Sie mich das nochmal wiederholen, um sicher zu sein, daß uns nichts entgeht. Also, die Reardons beschließen, aus welchem Grund auch immer, unterzutauchen und überzeugen die Akimotos, ihnen dabei zu helfen. Die Akimotos brechen erst kurz darauf auf, um keinen Verdacht zu erregen. Sie treffen sich an irgendeiner verabredeten Stelle mit den Reardons, lassen deren Ausrüstung und den Motorschlitten zurück und bringen die Reardons irgendwohin, wo sie erstmal abwarten können, bis sich die Aufregung gelegt hat und niemand mehr nach ihnen sucht. Dann überprüfen sie ihre eigenen Bohrstellen und fahren nach Barrow, um die Post zu holen. Bevor sie zur Station zurückkehren, bringen Sie den Reardons Proviant."

"Soweit eine schöne Theorie, aber wie beweisen wir sie?" gab Mac zu bedenken.

"Nichts einfacher als das," meinte Harm grinsend, "wir warten einfach ab, bis die Akimotos wieder aufbrechen, um den Reardons Vorräte zu bringen und lassen uns dann direkt zu ihnen führen. Aber zuerst schlafen Sie sich mal richtig aus."

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12: 11 Z-Zeit (02: 11 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Harm erwachte plötzlich. Ein Blick auf den Radiowecker auf seinem Nachttisch sagte ihm, daß es noch mitten in der Nacht war. Er versuchte sich zu erinnern, was ihn geweckt hatte, und lauschte nach Macs Atemzügen neben ihm. Stattdessen hörte er plötzlich ein seltsames Geräusch aus dem Badezimmer. Er knipste das Licht an.

Mac kam aus dem Badezimmer. Barfuß und ein wenig wankend tapste sie zum Bett zurück.

"Hey, warum sind Sie wach?" fragte sie und ihre Stimme hörte sich rauh an.

"Ich bin aufgewacht und Sie waren nicht da. Ich schätze, ich habe mich an Ihre kalten Füße gewöhnt." erklärte Harm grinsend, ohne jedoch seinen besorgten Blick von ihr abzuwenden.

Mac öffnete den Mund, um zu protestieren, aber Harm sah den Einwand kommen und hob schnell die Hand, "Oh doch, jede Nacht seit wir hier sind!" Jedenfalls in jeder Nacht, in der Mac überhaupt geschlafen hatte.

Mac schnitt eine Grimasse, sagte aber nichts mehr, sondern schlüpfte wieder unter die Decken. "Machen Sie das Licht aus!" befahl sie.

Harm warf ihr einen letzten, besorgten Blick zu und tat dann, wie geheißen. Morgen würde er wirklich mal in aller Ruhe mit Mac reden, nahm er sich vor.

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15: 19 Z-Zeit (05: 19 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Harm erwachte. Schon wieder. Und schon wieder keine kalten Füße, die sich Wärme suchend gegen seine preßten. Stattdessen Geräusche aus dem Badezimmer. Schon wieder. Harm erhob sich und ging zum Badezimmer hinüber. "Mac?" rief er fragend.

Keine Antwort, nur ein würgendes Geräusch von innen.

"Mac, alles in Ordnung?"

Wieder keine Antwort. Nur das Würgen hielt an.

"Du bist ein Idiot, Rabb, hört sich das vielleicht so an, als ob alles in Ordnung wäre?" rügte Harm sich selbst. "Mac?" rief er erneut und öffnete vorsichtig die Tür.

Mac stemmte sich mühsam von der Toilettenschüssel hoch, über der sie seit einer halben Stunde gehangen hatte. "Alles okay, ich komme wieder ins Bett." murmelte sie und klang so schwach, daß Harm ihr nicht einmal geglaubt hätte, wenn er sie nicht so gut gekannt hätte. Sie war so bleich, daß es ihn wirklich erschreckte.

Sie machte zwei wackelige Schritte in Richtung Badezimmertür, dann gaben scheinbar die Knie unter ihr nach und sie hielt sich haltsuchend am Waschbecken fest, um nicht zu fallen.

Harm war mit einem Schritt bei ihr und hob sie hoch, ohne auf ihre Proteste zu achten. Mac zappelte und wehrte sich gegen seinen behutsamen, aber entschlossenen Griff. "Lassen Sie mich sofort runter, ich bin kein kleines Kind! Ich schaffe das alleine!" fauchte sie ihn an.

"Oh, ja sicher, Sie werden gleich alleine am Boden landen, wenn ich Sie auch nur für eine Sekunde loslasse. Hören Sie auf mit diesem Semper Fi-Theater, Mac! Sie mögen ja ein Marine sein, aber Sie sind nicht Superwoman! Niemand wird Ihnen vorwerfen, schwach zu sein, wenn sie ab und zu mal Hilfe brauchen."

Mac gab ihre unnützen Proteste auf und ließ sich von Harm zum Bett tragen. Als er sie absetzte und die Decke um sie herum feststopfte, bemerkte Harm, wie sehr sie zitterte. Ihre Zähne klapperten aufeinander. Rasch legte er ihr die Hand auf die Stirn. "Mac, Sie glühen vor Fieber!"

Mac schob seine Hand weg. "Sieht so aus, als hätte ich eine Erkältung, kein Grund, gleich einen Aufstand zu machen!" behauptete sie abwehrend.

"Erkältung?" echote Harm ärgerlich, "Mac, das ist keine einfache Erkältung, es hat Sie übel erwischt und das wissen Sie. Hören Sie, Mac, ich weiß, daß es momentan nicht gerade so toll zwischen uns steht, aber jetzt sind Sie krank und ich bin der Einzige, der hier ist, also sieht es wohl so aus, als könnten Sie nicht sehr wählerisch sein, oder? Ich werde mich jetzt um Sie kümmern, ob es Ihnen paßt oder nicht!" erklärte er entschlossen, "Okay?"

Mac nickte schwach und schloß die Augen, viel zu erschöpft und zu krank um ernsthaft zu streiten.

Harm nahm die leere Tasse von Macs Nachttisch und erhob sich. "Ich gehe frischen Tee machen. Soll ich mal nachsehen, ob ich etwas Zwieback oder so finde?" erkundigte er sich.

"Bloß nicht!" Mac wurde, falls das überhaupt noch möglich war, noch eine Nuance bleicher. "Mein Magen dreht sich schon vom bloßen Gedanken an Essen um."

Harm warf einen letzten Blick zurück und ging. 10 Minuten später kehrte er mit einer Thermoskanne Tee, einer Wärmflasche und Wadenwickeln zurück und sah, daß Mac endlich in einen unruhigen Schlaf gefallen war. Leise stellte er die mitgebrachten Utensilien ab und holte einen Stuhl aus dem Büroraum, um über Macs Schlaf zu wachen.

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18: 42 Z-Zeit (08: 42 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Harm stützte Mac, als sie zurück zum Bett wankte. Zum vierten Mal in den vergangenen Stunden hatten sie jetzt den Weg zum Badezimmer und zurück hinter sich gebracht. Harm wunderte sich wirklich, wie jemandem, der gar nichts mehr im Magen hatte, immer noch so übel sein konnte.

Wieder stopfte er die Decke um sie herum fest und erneuerte ihre Wadenwickel. Ihre Haut glühte und das Haar klebte ihr auf der schweißnassen Stirn. Sie sah noch immer ziemlich elend aus, aber Harm wagte es nicht, ihr noch mehr Schmerz- und Fiebertabletten zu geben, als er es schon getan hatte. Sie zitterte ein wenig unter der dicken Decke.

Harm betrachtete sie besorgt. Ihm war ein wenig seltsam zumute, sie plötzlich so krank, schwach und verletzlich zu sehen.

Er setzte sich erneut auf die Bettkante und wischte ihr mit einem feuchten Lappen das schweißnasse Gesicht ab. Mac öffnete nicht einmal die Augen. "Mac, kann ich Sie mal was fragen, ohne gleich wieder einen Streit vom Zaun zu brechen?"

Mac hob die Lider. Ihre braunen, sonst so klaren Augen glänzten fiebrig. "Mir ist nicht nach streiten zumute, also fragen Sie." murmelte sie mit rauher Stimme.

Harm räusperte sich. "Mac, sind Sie ... ich meine, das geht mich überhaupt nichts an, aber ich würde es früher oder später ohnehin erfahren und spätestens wenn Brumby ... ich meine ... Mac, sind Sie vielleicht schwanger?"

Mac öffnete erneut die Augen. "Ich bin einfach nur krank, okay?" Sie war zu erschöpft, um wütend oder auch nur überrascht zu sein. Sie wußte wirklich nicht, wie Harm auf diese Idee kommen konnte. "Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe sterben, ja?" Stöhnend schloß sie die Augen und rollte sich zusammen.

"Toll, ich lasse ja auch wirklich kein Fettnäpfchen aus!" sagte er zu sich selbst. "Erst verdächtige ich sie, heimlich zu trinken, dann glaube ich, sie sei schwanger ..." Dabei war es bei Macs übermüdetem Zustand doch wirklich kein Wunder, daß der erstbeste Virus sie auf kaltem Fuß erwischt hatte, vor allem nach ihrem anstrengenden Trip durch die Arktis.

Harm legte den Lappen weg und strich ihr mit der Hand ein Büschel Haare aus der Stirn. "Schlaf, Ninjagirl, schlaf." befahl er leise.

TBC

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