Cold as Ice

Author: Sandra Gerth
Rating: PG (General/Action/Drama/Angst)
Spoiler: "Silent Service"; "Ein Held vor Gericht"; "Rendezvouz mit dem Tod", "Boomerang" (Spielt gegen Ende der 5. Staffel.)
Disclaimer: Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.
Summary: Ausgerechnet als Harm und Mac sich nur noch streiten, wird ihnen ein neuer Auftrag zugewiesen und es ist kein Aufenthalt auf einem U-Boot, sondern schlimmer.


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Chapter 8

23: 14 Z-Zeit (13: 14 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

"Okay, dann wollen wir mal, Sarah. Zuerstmal sollten Sie sich mit den Hunden vertraut machen." meinte Olaf draußen. "Ich hoffe, Sie haben keine Angst vor ..." Er brach ab, als er sah, daß Mac sich zu den Hunden hinunterbeugte und einem der Huskies ruhig die Hand hinhielt. Als der Hund daran schnupperte, klopfte sie ihm liebevoll den Rücken. Die Augen des Hundes erinnerten sie ein wenig an Harms, stellte sie fest und mußte fast lachen.

Olaf grinste. "Ah, ich sehe schon, vermutlich sind Sie Hundezüchterin im Nebenberuf, richtig?"

Mac war dankbar, daß er sie mitnahm und sie fand ihn auch recht sympathisch, aber seine humorvolle Art erinnerte sie viel zu sehr an Harm und sie wünschte, er würde sich einfach nur auf ein paar sachliche Erklärungen beschränken. Sie mußte darauf achten, ihr Temperament in Zaum zu halten.

"Nein, ich habe nur einen alten zahnlosen Hund." erklärte sie.

"Dann passen Sie auf, die hier haben Zähne!" Olaf lachte. "Es ist ein gemischtes Gespann; drei sind Alaskan Malamutes, das sind die mit dem weiß-graubraunen Fell, die etwas größer sind, und vier Siberian Huskys, die mit dem weicheren, weiß-schwarzen Fell. Ich verwende ein Doppelgespann, das heißt, daß die Hunde immer zu zweit nebeneinander laufen, mit einem Führhund an der Spitze. Das ist Rusty hier." Olaf wies auf einen der Hunde.

"Wenn man zu zweit ist, läuft eine Person vor dem Schlitten und bahnt den Weg mit Schneeschuhen. Das ist schwerer und erfordert mehr Erfahrung als die Arbeit an der Lenkstange, deshalb werden Sie den Schlitten lenken. Sie halten sich an der Lenkstange fest und können ab und zu aufspringen auf die verlängerten Kufen des Schlittens. Wenn der Weg schlechter wird, springen Sie ab oder schieben mit einem Fuß an. Achten Sie darauf, daß die Hunde in einer Spur und direkt hinter mir bleiben. Sie sind gut ausgebildet und gehorchen auf Zuruf. Sobald der Schlitten halten soll, werfen Sie diesen Fanganker aus. Wenn Sie nicht mehr können, dann sagen Sie mir das sofort, klar? Okay, dann versuchen wir es mal." Olaf klang ein wenig skeptisch und das stachelte Macs Ehrgeiz noch mehr an.

Olaf schnallte sich mit geübten Bewegungen die Schneeschuhe an und marschierte los. Mac löste den Fanghaken aus dem Schnee und packte hastig die Lenkstange mit beiden Fäusten, als die Hunde eifrig und aufgeregt bellend hinter Olaf herstürmten. Sie trabte abwechselnd hinter dem Schlitten her, um dann und wann aufzuspringen, wie Olaf es ihr erklärt hatte. Dann ging es zügig den Hügel hinauf. Mac sah nicht zurück.

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03: 04 Z-Zeit (17: 04 Uhr Alaskan Time)
Irgendwo in Nordalaska

Olaf führte sie mit traumwandlerischer Sicherheit durch die weiße Landschaft. Er gebrauchte kaum den Kompaß und verließ sich offenbar mehr auf seinen Instinkt und auf seine Ortskenntnisse. Manchmal drängte sich Mac fast der Eindruck auf, daß der "Alte" im ganzen Gebiet jeden Fußbreit Boden kannte.

Langsam veränderte sich das Gelände um sie herum, je weiter sie nach Süden kamen. Die Küstenebene im Norden fiel langsam von der Brookskette bis zum Nordpolarmeer ab, das die meiste Zeit des Jahres vereist war. Die Landschaft wurde jetzt ständig hügeliger und manchmal sahen sie einen kleinen Berg, dessen Nordhang vereist war, während auf der Südseite einige Nadelbäume und Flechten wuchsen.

Mac hatte sich nun daran gewöhnt, den Schlitten zu lenken und obwohl es Spaß machte, war es doch ungewohnt und anstrengend. Ihre Stimme wurde langsam heiser von den ständigen Zurufen und Kommandos an die Hunde, ihre Arme und Schultern schmerzten und ihre Beine waren so steif, daß sie das Gefühl hatte, auf Stelzen zu gehen. Natürlich wäre sie aber lieber gestorben, als sich etwas davon anmerken zu lassen oder nur einen Laut der Klage von sich zu geben.

Fast schlagartig, wie immer hier im Norden, wurde es dunkel und sie waren gezwungen, ihr Lager aufzuschlagen.

"Wird es hier immer so früh dunkel?" erkundigte sich Mac und bemühte sich, jede Spur von Erschöpfung aus ihrer Stimme fern zu halten.

"Früh?" echote Olaf und schien amüsiert, "Es ist schon ... Moment ..." Er schob den Ärmel seines Parka hoch, um einen Blick auf die Uhr zu werfen.

"17 Uhr, 08 Minuten." sagte Mac, bevor er an seine Uhr gelangt war.

Olaf sah überrascht auf. "Sie fühlen die Zeit?" erkundigte er sich neugierig.

Eine solche Bezeichnung für ihr Talent hatte Mac noch nie gehört. "Fühlen? Ich weiß eben einfach, wie spät es ist oder wieviel Zeit vergangen ist, ob ich die Zeit fühle ... keine Ahnung, ob ich es so bezeichnen würde..."

"Einige der Innuit, der Eskimo, die noch draußen in der Wildnis leben, sollen diese Fähigkeit haben. Sie sagen, sie fühlen die Zeit." erklärte Olaf. "Kann sehr nützlich sein hier draußen; Sie wären sicher ein guter Musher." So nannte man, wie Olaf ihr erklärt hatte, die Hundeschlittenführer. Olaf glaubte wirklich, daß Mac ein guter Musher wäre, nicht nur wegen ihrer inneren Uhr, sondern auch wegen ihrer Ausdauer und dem Willen, nicht aufzugeben, auch wenn es hart war. Er hätte nicht gedacht, daß sie es durchhalten würde, den ganzen Tag hinter dem Schlitten zu gehen. Die Klagen und die Bitte um eine Pause, mit denen er gerechnet hatte, waren nicht gekommen.

Olaf begann, die Hunde auszuspannen und das Geschirr zu überprüfen. Er bedeutete Mac, ihm den Beutel mit dem getrockneten Lachs vom Schlitten zu bringen, was sie wortlos tat. Noch eine Eigenschaft, die ihn überrascht hatte. Diese Amerikanerin redete nicht besonders viel. Manchmal war sie sogar richtig einsilbig. Olaf fragte sich, ob sie immer so war, oder ob irgendetwas ihr Sorgen machte.

Er fütterte die Hunde und untersuchte kurz ihre Füße, entfernte die Eisstücke zwischen ihren Zehen. Dann begann er, eine kleine Fichte zu fällen und die Zweige zu zwei Stapeln aufzuschichten, die sie als Bett benutzen würden.

Mac sammelte in der Zwischenzeit das trockenste Holz zusammen und ordnete es zu einem Kreis in einer schneelosen Mulde an. Dann fragte sie Olaf nach Streichhölzern.

Der Skandinavier kam zu ihr herüber und besah sich ihr Werk. Dann nickte er anerkennend und auch ein wenig überrascht. "Die Ausbildung im Marine Corps scheint ziemlich gut zu sein." kommentierte er dann.

Mac nickte mit einem kleinen Lächeln. "Das ist sie, aber wie man ein richtiges Feuer macht, hat mir mein Onkel gezeigt, auch ein Marine, übrigens."

Sie machten Feuer und bereiteten sich eine Mahlzeit aus Bohnen, Reis, gepökeltem Schweinefleisch und etwas Dörrobst, der Reiseproviant hier im Norden wurde nach dem höchsten Sättigungswert und dem geringsten Gewicht zusammengestellt. Bevor sie aßen, warf Olaf die Proviantbeutel hinauf in die Bäume, damit die Hunde nicht daran kommen konnten, und spannte eine Ölhaut hinter dem Feuer auf, die die Wärme reflektierte.

Mac hatte keinen sonderlichen Appetit, zwang sich aber zu essen. Olaf sollte nicht denken, sie sei sich zu gut für diese einfache Mahlzeit.

"Morgen erreichen wir den Hootalinqa-Fluß. Von da an ist schlechte Bahn bis hinunter zum Chilcott. Entlang des Flusses gibt es warme Quellen und Lufteis, so daß man einbrechen kann. Wenn das passiert, muß man sofort Feuer machen und sich trockenes Schuhwerk anziehen, sonst holt man sich schlimme Erfrierungen und verliert unter Umständen die Füße." erzählte Olaf als sie schließlich mit einer Tasse Kaffee am Feuer saßen.

"Das klingt ja vielversprechend," murmelte Mac trocken, "das reinste Ferienparadies für Marines."

Olaf lachte und fragte sich, ob sie morgen auch noch so denken würde. Er sah nochmal nach den Hunden, schürte das Feuer etwas und kroch dann in den Schlafsack. "Gute Nacht." wünschte er und schien auch schon eingeschlafen zu sein.

Mac rollte sich ebenfalls auf ihrem Lager zusammen, aber sie konnte nicht sofort einschlafen, obwohl sie wirklich müde war. Sie fror trotz des Feuers und ihre Muskeln schmerzten jetzt, wo sie sich entspannte, mit doppelter Intensität.

Sie beobachtete, wie die Hunde sich um das flackernde Feuer drängten. Außer dem Knacken des verbrennenden Holzes und Olafs ruhigem Atmen war kaum ein Laut zu hören, denn der Schnee dämpfte alle Geräusche. Macs Blick wanderte über die Schlafplätze aus Fichtenzweigen, über die aufgespannte Ölhaut, den Kochtopf auf einer langen Stange über dem Feuer, zu den aufgestellten Schneeschuhen. Rings um das Ganze lag die Dunkelheit wie eine Mauer.

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09: 26 Z-Zeit (23: 26 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Harm konnte nicht schlafen. Und das, obwohl jetzt keine Mac mehr da war, die zu nachtschlafender Zeit durch ihr Schlafzimmer geisterte. Oder vielleicht gerade, weil Mac nicht da war, er wußte es nicht.

Wenn er ehrlich war, machte er sich Sorgen um sie. Nicht, daß er geglaubt hätte, sie sei den Strapazen nicht gewachsen. Er wußte, daß sie ein Marine war und durch den Drill gegangen war. Er war oft genug mit ihr joggen gewesen, um zu wissen, wie ausdauernd und kräftig sie war.

Aber er wußte auch, daß mit Mac etwas nicht stimmte. Sie war krank oder doch zumindest müde und ihre Nerven lagen blank.

Als Marine scheute sie sich natürlich nicht, zuzuschlagen, wenn es erforderlich wurde, aber sie lehnte Gewalt als Kommunikationsmittel seit ihren Kindheitserlebnissen ab, daß sie sich hatte hinreißen lassen, ihn zu schlagen und ihm ein anderes Mal fast den Arm auszurenken, zeugte davon, wie es in Wirklichkeit um sie stand.

Er wußte, daß er nicht viel für sie tun konnte. Die Hilflosigkeit, die er in den letzten Tagen empfunden hatte, bestätigte das. Aber er wollte es zumindest versuchen, er wollte für sie dasein, so wie sie für ihn dagewesen war, in Rußland oder als man ihn des Mordes anklagte und bei tausend anderen Gelegenheiten. Er wollte sie beschützen, vor allem vor ihr selbst. Oops! Da war er wieder, sein "verdammter Beschützerinstinkt".

Harm wünschte, sie wäre hier und nicht draußen in der kalten Nacht. Im Moment hätte er sogar ein Streitgespräch mit ihr begrüßt. Und zum hunderttausend und erstem Mal sagte er sich, daß sie mal reden mußten.

Beim hunderttausend und zweiten Mal stand er auf und zog sich an. Vielleicht half es, wenn er eine Weile im Gebäude umherging. Er fragte sich, was Mac tat, wenn sie nicht schlafen konnte. Ein erfolgreiches Mittel schien jedoch auch sie nicht zu besitzen, das war klar.

Er ging in die Küche und nahm sich ein Glas Mineralwasser aus dem Kühlschrank.

"Einsam ohne Ihre Frau?" fragte eine Stimme hinter ihm.

Harm zuckte zusammen und drehte sich um. Nikolai bückte sich unter dem Türrahmen durch und nahm sich ebenfalls ein Glas Wasser.

"Und Sie?" fragte Harm statt einer Antwort.

"Immer noch dasselbe." seufzte Nikolai. "Ist mit Ihnen alles in Ordnung? Ich meine, Sie sahen nicht so glücklich darüber aus, daß Ihre Frau mit Olaf gefahren ist. Und Sarah sieht ein wenig ... mitgenommen aus. Entschuldigung, wenn ich das sage."

"Schon okay." versicherte Harm. Er hatte sich also nicht getäuscht, wenn schon Leute, die Mac kaum kannten, bemerkten, daß irgendetwas nicht in Ordnung war ...

"Sie ißt nicht so richtig, hm?" fragte Nikolai behutsam. "Ich will Ihnen wirklich nicht zu nahe treten und es geht mich auch überhaupt nichts an, aber ..."

"Schon gut, sagen Sie’s nur." ermutigte ihn Harm.

"Na ja, ich habe vier Schwangerschaften meiner Schwestern hinter mir. Sind Sie sicher, daß Ihre Frau nicht schwanger ist?"

Fast hätte Harm gelacht. "Vollkommen sicher." erklärte er mit einem amüsierten Grinsen. Dann blieb ihm das Lachen beinahe im Hals stecken. "Ach ja? Bist du dir da wirklich so vollkommen sicher, Harmon Rabb junior?" hielt er sich selbst vor. Er dachte daran, wie gut Mac mit A.J., ihrem Patensohn, umgehen konnte, und wie sehr sie sich ein Kind wünschte. Und er dachte an Brumby. Gab es eine bessere Methode, eine Frau an sich zu binden, als ein Kind?

Nikolai Tschechow bemerkte Harms plötzlichen Stimmungswechsel. "Etwas nicht in Ordnung zwischen Ihnen beiden?" fragte er sanft.

"Hm, nur ein paar Differenzen. Es ist nicht so leicht, wenn man zusammen arbeitet ..." meinte Harm vage.

"Sie sollten nicht zulassen, daß die Arbeit oder irgendetwas anderes sich zwischen Sie drängt." riet der Meeresbiologe. "Ihre Frau ist doch Geologin."

"Ähm, was?" Was hatte Macs angeblicher Beruf mit den Meinungsdifferenzen zwischen ihnen zu tun? Hatte der Russe da etwas falsch verstanden?

"Es ist wie die Plattentektonik, Harmon. Sie driften immer weiter auseinander, die Kluft wird immer größer, wenn Sie nichts tun."

Harm kniff die Augen zusammen. Übertrieb Nikolai da nicht ein wenig? Aber andererseits war die Kluft zwischen ihm und Mac schon jetzt quasi unüberbrückbar.

"Hey, ich bin hier der Psychologe," erinnerte Harm, "aber mal ganz abgesehen davon, was schlagen Sie vor? Soll ich die Plattendrift mit bloßen Händen aufhalten?" fragte er ironisch.

"Das ist der Punkt, an dem unsere geologische Analogie endet." erklärte Nikolai. "Menschen sind zum Glück weniger unbeweglich."

"Einige schon." dachte Harm. Der Russe kannte seinen dickköpfigen Jarhead nicht.

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20: 20 Z-Zeit (10: 20 Uhr Alaskan Time)
Irgendwo in Nord-Alaska

Mac fror erbärmlich. Sie waren bereits seit zwei Stunden unterwegs und sie war jetzt schon wieder müde. Sie fragte sich, wie sie diesen Tag bloß überstehen sollte. Sie hatte wieder kaum geschlafen.

Sie folgten dem Hootalinqa, dem sogenannten 30-Meilen-Fluß, dessen Wasser so schnell floß, daß der Fluß nicht gefror und so keine Bahn abgab. Sie wurden so gezwungen, hart am Ufer entlang zu fahren. Olaf ging irgendwo vor ihr, ohne Schneeschuhe, aber dafür mit einer langen Stange, die er wie ein Seiltänzer quer in den Händen hielt.

Plötzlich sah sie, wie er durch das trügerische Lufteis einbrach und bis zu den Knien im eiskalten Wasser stand. Olaf schien es schon oft erlebt zu haben, denn er blieb ganz ruhig und verschwendete keine Zeit damit, zu fluchen. "Suchen Sie Holz und machen Sie Feuer!" rief er zu Mac hinüber, während er langsam mit Hilfe der Stange auf festen Boden zurücktastete und begann, auf und ab zu laufen.

Als nach wenigen Minuten das Feuer brannte, kam er zu Mac hinüber, setzte sich auf eine Decke und schnitt mit seinem Messer die erstarrten Schuhe und Socken auf. Dann rieb er sich die Füße rücksichtslos mit Schnee, bis sie wieder durchblutete waren und bat Mac, ihm neue Socken und seine Ersatzstiefel aus dem Schlitten zu holen.

Eine halbe Stunde später fuhren sie weiter. Olaf brach an diesem Tag noch einmal durch das Eis und gegen Abend brachen plötzlich die Hunde ein. Sie hätten fast den Schlitten hinterhergezogen, doch Mac packte instinktiv die Lenkstange und es gelang ihr zusammen mit dem eilig hinzuspringenden Olaf, den Schlitten zu befreien. Wieder mußten sie Feuer machen, diesmal für die Hunde.

"Immer noch ein Ferienparadies, Sarah?" fragte Olaf, als sie den Hootalinqa hinter sich ließen und den Weg zur Bohrstelle der Reardons einschlugen.

"Vielleicht nächstes Mal doch lieber etwas mit Palmen." meinte Mac.

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03: 15 Z-Zeit (17: 15 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Harm kochte. Nicht vor Wut diesmal, sondern in der Küche. Pasta Putanesca und Salat.

Diesmal gab es keine Diskussion über das Dessert und auch nicht über den gesundheitspsychologischen Wert von Beltway Burgern. Er konnte die Zwiebeln schneiden, ohne daß jemand versuchte, ihm das Messer aus der Hand zu nehmen. Das Essen war viel zu früh fertig. Harm schob es auf die Warmhalteplatte und setzte sich, um auf die anderen zu warten.

Er hoffte, daß Olaf ein Auge darauf hatte, daß Mac genügend aß.

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01: 48 Z-Zeit (15: 48 Uhr Alaskan Time)
Irgendwo in Nord-Alaska

Jeder einzelne von Macs Muskeln und Knochen schmerzte und sie packte mit einem Zähneknirschen die Lenkstange fester.

Gestern nacht war die Temperatur plötzlich angestiegen, es war wärmer als 10° C gewesen, wie Olaf sagte ein sicheres Anzeichen dafür, daß es bald schneien würde. Tatsächlich waren am Morgen fast 50 Zentimeter Neuschnee gefallen.

Das Wegebahnen wurde schwieriger und der Schlitten kam nur noch langsam voran. Die Temperatur war wieder gefallen und als sie mittags gerastet hatten, froren ihnen die Schlittenkufen fest und sie brauchten eine halbe Stunde, bevor sie sie wieder losbekommen hatten.

Mac schob den Schlitten erneut über eine Schneewehe, bevor sie wieder aufsprang. Sie ignorierte ihre Erschöpfung und dachte stattdessen nur daran, was sie gestern abend an der Bohrstelle der Reardons gefunden hatten. Endlich ein konkreter Hinweis! Sie war schon gespannt, was Harm dazu ...

Mac hatte für eine Sekunde nicht aufgepaßt und stolperte über eine Bodenwelle. Sie wollte die Lenkstange packen, verfehlte sie aber und schlug der Länge nach hin. Sie erhob sich jedoch sofort wieder und sah erleichtert, daß es Olaf gelungen war, den Schlitten zu stoppen und den Fanghaken in den Schnee zu bohren.

Olaf lief zu ihr hinüber. "Hey, alles klar?" fragte er etwas atemlos.

"Ja, alles okay." antwortete Mac grimmig.

Olaf atmete auf, aber dann sah er, daß Blut über ihre Fingerspitzen lief und in den Schnee tropfte. "Zeigen Sie mal her." forderte er sie alarmiert auf.

Mac zog die Hand zurück. "Nicht nötig, es ist nur ein ..."

"Ein Kratzer? Sarah, wenn Sie halb so erfahren wie tapfer wären, dann wüßten Sie, daß dieser Kratzer Sie hier in der Arktis die Hand kosten kann, wenn er sich entzündet." warnte Olaf Swenson.

Da gab Mac dann doch nach und schob den Ärmel ihres Parkas hoch. Ein schmaler, aber tiefer Schnitt zog sich über ihren Unterarm. Sie mußte auf ein scharfes Stück Eis gefallen sein. Blut quoll noch immer aus der Wunde und lief Macs Finger entlang.

Olaf holte Verbandszeug und verband die Wunde. "Ich hoffe, es muß nicht genäht werden, ich bin nicht sehr geschickt mit Nadel und Faden." meinte der Skandinavier mit einem ermutigenden Lächeln.

Mac verzog nur das Gesicht. Sie war wirklich nicht in der Stimmung für Scherze, jetzt noch weniger als zuvor. Niemals hätte sie zugegeben, daß die Wunde ziemlich schmerzte. Sie riß sich zusammen, zog die Handschuhe wieder über und griff nach der Lenkstange.

"Sollen wir nicht lieber eine Pause einlegen?" erkundigte sich Olaf mit einem halb erstaunten, halb besorgten Blick.

"Nein!" entschied Mac energisch. "Wenn Sie mir das richtig gesagt haben, dann müßten wir die Station in 3 Stunden und 42 Minuten erreichen, bis dahin werde ich schon durchhalten."

"Okay, aber wenn Sie es sich anders überlegen, dann zögern Sie nicht, nach einer Pause zu verlangen. Ich möchte nicht Ihrem Mann erklären müssen, wieso ich Sie in Einzelteilen zurück gebracht habe." Olaf sagte es nur halb im Scherz, denn er hatte bemerkt, daß Harm nicht sehr erfreut darüber gewesen war, daß Mac ihn begleiten wollte. "Obwohl ich ihm das kaum verdenken kann. Wenn ich mit einer Frau verheiratet wäre, die so aussieht, dann würde ich sie auch nicht außer Reichweite lassen ..." dachte der Skandinavier grinsend.

"Weder Sie noch ich sind ihm irgendeine Rechenschaft schuldig, klar? Wenn ich in Einzelteilen ankomme, was übrigens nicht passieren wird, dann ist das allein meine Sache!" erklärte Mac temperamentvoll.

Olaf nickte und dachte sich seinen Teil. Er hatte schon hungrige Eisbären gesehen, die weniger gereizt aussahen und ein Musher lernte als erstes, sich niemals unnötigen Gefahren auszusetzen. Also hielt er den Mund und ging wieder los.

Mac umklammerte mit klammen Fingern die Lenkstange und knirschte mit den Zähnen, als der Ruck des anfahrenden Schlittens durch ihre schmerzenden Muskeln ging. "Drei Stunden und 42 Minuten." murmelte sie beschwörend vor sich hin. Momentan waren es genau 3 Stunden und 42 Minuten zuviel für sie.

TBC

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