Cold as Ice

Author: Sandra Gerth
Rating: PG (General/Action/Drama/Angst)
Spoiler: "Silent Service"; "Ein Held vor Gericht"; "Rendezvouz mit dem Tod", "Boomerang" (Spielt gegen Ende der 5. Staffel.)
Disclaimer: Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.
Summary: Ausgerechnet als Harm und Mac sich nur noch streiten, wird ihnen ein neuer Auftrag zugewiesen und es ist kein Aufenthalt auf einem U-Boot, sondern schlimmer.


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Chapter 7

1915 Z-Zeit (0915 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Harm saß in dem kleinen Büroraum und wartete auf Nikolai Tschechow, mit dem er heute eine psychologische Sitzung haben sollte. Er versuchte, nicht mehr an den Streit mit Mac zu denken. Sollte sie doch einfach machen, was sie wollte. Wer brauchte schon Sarah MacKenzie? Leider wußte er selbst, daß er damit keine Jury überzeugt hätte, nicht einmal sich selbst. Er machte sich viel zuviele Sorgen um Mac, um längere Zeit wütend auf sie zu sein.

Es klopfte und Nikolai trat ein. Harm bot ihm einen Stuhl an. "Das muß die erste Sitzung in der Geschichte der Psychologie sein, bei der der Therapeut sich unbehaglicher als sein Patient fühlt." dachte er dabei.

"Tja, wir haben in Rußland nicht gerade viele Psychologen und deshalb kenne ich mich nicht aus, was soll ich Ihnen erzählen?" erkundigte sich Nikolai Tschechow, falls er denn wirklich so hieß, unsicher.

"Gut," dachte Harm, "dann hat er wenigstens keine Vergleichsmöglichkeiten."

"Wie wäre es, wenn Sie mir ein wenig über sich erzählen? Wie sind Sie aufgewachsen, wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen und wie haben Sie Ihre Frau kennengelernt ..."

Der riesenhafte Russe zuckte die Schultern. "Gut, ähm, aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dörfchen in Sibirien. Ich habe zwei ältere und drei jüngere Schwestern." Er lächelte, als er Harms Blick sah. "Wir wuchsen nach dem Tod unserer Eltern bei unserer Großmutter auf."

Harm nickte und machte eine schnelle Notiz, schließlich sollte alles professionell wirken. "Haben Sie sich dort wohl gefühlt?" fragte er.

"So wohl, wie man sich in einem kleinen sibirischen Dorf nur fühlen kann, wenn man ein Junge ist, der das Meer für seine Bestimmung hält." Nikolai zeigte das für ihn so typische sanfte Lächeln. Harm fand, daß er ein wenig seinen Walen ähnelte, er mochte riesig und scheinbar plump sein, aber er war auch sanftmütig und klug. "Aber meine Großmutter war eine sehr kluge Frau und ich habe viel von ihr gelernt."

Harm erkannte, daß er sich so zwar stundenlang mit dem Russen unterhalten konnte, aber niemals etwas erfahren würde, was sie auch nur einen Millimeter in ihrer Mordermittlung weiterbringen würde. Er entschloß sich deshalb zu einer der gewagten Attacken, für die Tomcat-Piloten so berühmt sind.

"Mein alter Psychologieprofessor pflegte immer zu sagen, der Therapeut dürfe sich nicht aufdrängen, sondern soll den Klienten sprechen lassen und deshalb habe ich jetzt nur noch eine einzige Frage: Wie haben Sie die Papiere gefälscht und alle glauben gemacht, Sie wären verheiratet?" verlangte er zu wissen.

Nikolai starrte ihn an und seine imposante Zwei-Meter-Gestalt sank etwas in sich zusammen. Er sah absolut geschockt aus, geschockt und beeindruckt. "Woher wissen Sie das?" brachte er nach ein paar Sekunden hervor. Vermutlich begann er gerade, an die übernatürlichen Fähigkeiten amerikanischer Psychologen zu glauben.

Harm zuckte grinsend die Schultern. "Ach, wissen Sie, ich bin Psychologe, wir haben da so unsere Methoden. Berufsgeheimnis, Sie verstehen? Also?"

"Die Papiere sind nicht gefälscht, wir sind wirklich verheiratet." murmelte Nikolai Tschechow.

Es erstaunte Harm etwas, daß er jetzt, viel zu spät, begann, die Sache zu bestreiten. "Das nehme ich Ihnen nicht ab."

"Es ist so, wirklich." versicherte der großgewachsene Russe. "Nur ... ist es eben keine ähm ... Liebesheirat."

Harm hob eine Braue. "Sondern?"

Nikolai seufzte. "Ich bin Meeresbiologe und Anna ist Mikrobiologin, die sich auf maritime Kleinstlebewesen spezialisiert hat. Wir arbeiten seit 2 Jahren zusammen und sind das beste Team, das Sie sich nur vorstellen können. Aber zu unserem Pech ist Väterchen Rußland nicht gerade reich beschenkt mit Meeren und internationale Projekte sind selten. Das ICE-Projekt ist unsere Chance und wir waren uns einig, sie zu nutzen, auch wenn wir dazu vorgeben mußten, verheiratet zu sein. Wir haben eine Woche vor unserer Ankunft hier geheiratet. Niemand hat Verdacht geschöpft, denn wir sind schon seit einer Weile Freunde, beste Freunde." Nikolai sah ihn offen an und Harm glaubte ihm.

Er nickte. "Ich verstehe, eine rein platonische Ehe also." Harm konnte das verstehen, denn sein bester Freund war ebenfalls eine Frau. Jedenfalls hatte er bis vor einigen Wochen gedacht, daß sie beste Freunde waren. Harm verdrängte den Gedanken und dachte an früher. Viele Leute schienen seine und Macs seltsame Freundschaft nicht so richtig zu verstehen und manchmal sie selbst am allerwenigsten. Aber trotz ihrer Unterschiede, und deren gab es viele, waren sie Freunde geworden.

Nikolai zögerte. "Ich habe gehört, bei Ihnen haben die Ärzte eine Schweigepflicht? Gibt es so etwas auch für Psychiater?" wollte er wissen.

"Psychologen, nicht Psychiater. Ich bin Psychologe," verbesserte Harm und dachte lächelnd an Webb, der ihn auf diesen Unterschied aufmerksam gemacht hatte, "aber ja, die Berufsordnung für Psychologen und die Deklaration von Helsinki legen auch ein Schweigerecht und eine Schweigepflicht für Psychotherapeuten fest." Als Anwalt hatte er sich mit den berufsrechtlichen Aspekten seiner neuen Tätigkeit natürlich zuerst beschäftigt.

"Gilt diese Schweigepflicht auch für meinen Fall?" erkundigte sich der Russe.

"Natürlich, es sei denn, Sie gestehen mir jetzt den Mord an den Reardons." Harm beobachtete ihn aufmerksam.

Nikolai hob abwehrend seine riesigen Hände. "Damit habe ich nichts zu tun. Ich könnte niemals einen Menschen umbringen."

Harm glaubte ihm das sogar. "Okay, worum geht es dann?"

"Um diese ganze Situation hier. Es macht mich wirklich langsam aber sicher verrückt. Ich meine, wir sind noch immer ein gutes Team, unsere Forschungen laufen prima und Anna ist der beste Partner, den ich mir nur wünschen kann. Ich glaube, bei Ihnen sagt man: Sie hat was auf dem Kasten. Sie ist eine der besten Mikrobiologinnen, die ich kenne. Ihre Arbeit und daß Sie in der beruflichen Fachwelt anerkannt wird, ist ihr sehr wichtig."

Harm nickte. Das erinnerte ihn ein wenig an Mac.

"Man könnte sogar fast sagen, sie ist ein wenig besessen von ihrer Arbeit. Eigentlich nicht von ihrer Arbeit allein, sondern davon, den hohen Idealen ihres Vaters zu genügen." fuhr Nikolai fort.

"Stellt er solche Anforderungen an seine Tochter?" fragte Harm nach.

Nikolai schüttelte den Kopf. "Nein, ihr Vater ist schon seit Jahren tot. Sie selbst stellt die Anforderungen an sich, sie möchte den hohen Maßstäben, die ihr Vater, einer der angesehensten Wissenschaftler Rußlands, für sich selbst setzte, genügen. Vielleicht glaubt sie, ihm nahe zu sein, wenn sie tut, was er getan hat. So gut ist, wie er es war. Vielleicht ist es auch einfach nur ein Charakterzug von ihr. Sie ist eine Perfektionistin und seit ihrer Kindheit gewohnt, überall die Beste zu sein. Sie würden nicht glauben, mit welcher Verbissenheit sie manchmal an einem Projekt arbeiten kann; sie gibt keine Ruhe, bis sie nicht die Lösung gefunden hat."

Doch, Harm glaubte es. Was Nikolai jetzt erzählte, erinnerte ihn an sich selbst.

"Es macht sie zu einer guten Wissenschaftlerin, zu einer der besten überhaupt, aber es prägt ihr Leben so vollständig, daß da kein Platz ist für ... andere Dinge." Nikolais Blick reichte an Harm vorbei in die Ferne und seine grauen Augen blickten so verletzlich, daß es Harm unwillkürlich an Mac erinnerte.

"Ich muß wirklich endlich aufhören, ständig Parallelen zu Mac und zu mir zu ziehen!" ermahnte er sich in Gedanken.

"Andere Dinge? Familie? Freunde?" erkundigte sich Harm.

"Njet - nein," antwortete Tschechow, "Anna hat ein sehr gutes Verhältnis zu ihrer Mutter, auch wenn sie sie nicht sehr oft sieht. Und zu ihren Freunden ist sie hundertprozentig loyal."

"Was dann?" hakte Harm nach. Was konnte es denn noch geben?

"Sie ... scheut sich, Bindungen einzugehen, jedenfalls wirklich ernste Bindungen." erklärte Nikolai, ohne Harm anzusehen.

Aha! Langsam begann Harm zu erkennen, worauf die Sache hinauslief. "Bindungen zu Ihnen." Es war eine Aussage, keine Frage.

"Glauben Sie nicht, ich hätte die Absicht gehabt mich ... in sie zu verlieben?" Harm sah, daß dieser ausgewachsene Riesenkerl doch tatsächlich rot wurde. "Ich habe weiß Gott auch genügend kaputte Beziehungen hinter mir, aber wir können uns nunmal nicht aussuchen, wann und in wen wir uns verlieben, es passiert einfach." Nikolai seufzte.

"Irland." dachte Harm und mußte lachen. Nikolai sah ihn mit großen Augen irritiert an. Harm lachte erneut. "Tut mir leid, das hat mich nur eben an etwas erinnert." erklärte er eilig. Wenn er ehrlich war, dann erinnerte ihn Nikolais ganze Geschichte viel zu sehr an etwas.

"Ich bin sicher, als Psychologe hören Sie solche Sachen jeden Tag. Unerwiderte Liebe und so weiter." Nikolai versuchte, über sich selbst zu lachen, doch es gelang ihm nicht ganz.

"Ist das wirklich so unerwidert?" fragte Harm und kam sich seltsam vor, über ein solches Thema mit dem Russen zu sprechen. Er bewunderte Nikolai ein wenig dafür, daß er nicht versuchte, auszuweichen. "Ich meine, ich habe doch gesehen, wie Anna mit Ihnen spricht, wie sie Sie ansieht."

"Wir sind Freunde, Commander Roberts ... Harmon. Und darüber bin ich froh. Ich wünschte eben nur, sie würde dem Versuch, dieser Beziehung eine weitere Facette hinzuzufügen, eine Chance geben." seufzte Nikolai Tschechow.

"Haben Sie ihr das gesagt?" erkundigte sich Harm.

Nikolai schloß einen Moment die Augen, als ob er sich an etwas Schmerzhaftes erinnern würde, dann sagte er: "Ja, nach einem langen inneren Ringkampf und einiger Selbstverleugnung. Es schien sie ziemlich unerwartet zu treffen, obwohl ich sicher bin, sie wußte schon länger, wie ich fühle. Vielleicht wollte sie das Thema auch einfach nur vermeiden. Jedenfalls hat sie mir zu verstehen gegeben, daß sie unsere Zusammenarbeit und unsere Freundschaft nicht riskieren möchte. Keine ihrer Beziehungen hat besonders lange gehalten. Ich schätze, das ist die Art, wie Frauen sagen: Danke, aber nein danke." Nikolai seufzte erneut.

"Vielleicht braucht sie einfach nur mehr Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen?" meinte Harm tröstend, "Ich meine, nach allem, was Sie mir erzählt haben, scheint ihr Leben recht turbulent gewesen zu sein. Vielleicht will sie einfach nur festhalten, was sie im Moment hat." Harm dachte einen Moment lang über den Satz nach, bevor er nickte und fortfuhr. "Vielleicht hat sie Angst, alles kaputtzumachen. Oder vielleicht hat sie Angst davor, einfach nur glücklich zu sein."

Nikolai stellte fest, daß Commander Harmon Roberts ein wirklich erstklassiger Psychologe war. Er schien Anna tatsächlich verstehen zu können, obwohl er sie kaum kannte.

"Wie läuft es jetzt zwischen Ihnen? Streiten Sie sich?" fragte Harm weiter.

Nikolai schüttelte den Kopf. "Nein, ich streite mich nie." entgegnete er.

Harm lächelte. An diesem Punkt endete jede Parallele zu Mac. Leider.

"Aber um ein Haar wäre genau das geschehen, was Anna befürchtet hat." meinte Nikolai Tschechow ernst.

Harm sah ihn gespannt an. "Was?"

"Es hätte fast unsere Freundschaft kaputt gemacht. Ich habe das Thema kein zweites Mal erwähnt und ich bemühe mich seither, ein wenig Distanz zu wahren, denn ich möchte sie zu nichts drängen, aber es ist einfach ... schwer." murmelte der bärenhafte Russe.

Harm öffnete den Mund, um zu antworten, doch da klopfte es. Es war Myoki Akimoto. Harm warf einen Blick auf die Uhr. Mit Verwunderung stellte er fest, daß es bereits 10 Uhr war. Er hatte vergessen, daß er jetzt einen Termin mit der Japanerin hatte.

Nikolai Tschechow erhob sich, faltete seine zwei Meter regelrecht auseinander und schüttelte Harm die Hand. "Danke." sagte er sanft, grüßte Myoki und ging.

Harm wünschte, er könnte dasselbe tun, aber wie es aussah, würde er hier noch eine ganze Weile zu tun haben. Zum hundertsten Mal seit sie hier waren, sagte er sich, daß er wirklich mal mit Mac sprechen mußte.

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22: 32 Z-Zeit (12: 32 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Mac hatte den ganzen Morgen lang im Labor irgendwelche Gesteinsproben analysiert. Zumindest hatte sie so getan, während sie in Wirklichkeit die bisher gesammelten Daten ihrer Ermittlung in ihren Laptop eingab. Leider hatte sie da nicht viel zu tun gehabt. Gegen Mittag hielt sie es einfach nicht mehr aus. Sie hatte das Gefühl, in dem Gebäude ersticken zu müssen, also nahm sie sich ihren dicken Parka und die kniehohen Stiefel und stapfte in den Schnee hinaus.

Auf dem Hackklotz, auf dem Holz für den kleinen Erzschmelzofen gehackt wurde, saß jemand. Mac erkannte Anna Tschechow. Ein vertrauter Duft ging von ihr aus und als sie näherkam, bemerkte Mac, daß sie eine Zigarre zwischen den Fingern hielt. Sie mußte unwillkürlich lächeln.

Anna nickte ihr zu. "Stört Sie das?" fragte sie rücksichtsvoll und hob die Zigarre.

Mac bohrte die Stiefelspitze in den Schnee und schüttelte den Kopf. "Nein, ich hatte mal einen Partner, der hat diese Dinger ständig geraucht. Man gewöhnt sich daran." meinte sie lächelnd.

"Nikolai nicht, deshalb sitze ich hier draußen." erklärte die junge Mikrobiologin.

"Er würde es vermissen, wenn Sie nicht mehr rauchen würden, glauben Sie mir." versicherte Mac.

Anna hob den Kopf. "Was ist aus Ihrem Partner geworden?" wollte sie wissen.

Mac lächelte. "Er hat aufgehört."

"Zu rauchen oder Ihr Partner zu sein?" Anna war nicht sicher, ob sie die Feinheiten der englischen Sprache richtig verstanden hatte.

Mac hörte auf zu lächeln. "Ich weiß nicht, vielleicht beides." sagte sie wie zu sich selbst.

Irgendwo in der Ferne hörte man plötzlich ein Rufen und dann ein ... Bellen? Mac war nicht sicher, aber nach einer Weile tauchte tatsächlich ein Hundeschlitten am Horizont auf und das Rufen wurde lauter. Mac hörte jetzt, daß es Kommandos an die Hunde waren.

Hinter ihnen kamen die anderen Wissenschaftler aus dem Gebäude. Harm trat stumm neben Mac, bis er den süßlich-herben Geruch in der Luft bemerkte und sein Blick auf die Zigarre in Anna Tschechows Hand fiel. "Oh, das ist nicht fair." beschwerte er sich und auf Annas fragenden Blick erklärter er: "Ich hab vor einer Weile aufgehört zu rauchen."

Anna sah Mac an. "Wie kommt es, daß jeder, den Sie kennen, plötzlich zum Nichtraucher wird?" fragte sie schmunzelnd.

"Muß an meiner gesundheitsbewußten Lebensweise liegen." meinte Mac trocken. Sie würdigte Harm keines Blickes.

"Gesundheitsbewußt, hm? Mit viel Vitamin B wie in Beltway Burger?" wandte Harm ein und fragte sich insgeheim, ob sie zuvor über ihn gesprochen hatten. Dann nannte er sich einen eingebildeten Narren. Mac wollte nicht einmal MIT ihm sprechen, wieso sollte sie also ÜBER ihn sprechen?

Der Hundeschlitten mit den sieben Huskies davor war jetzt fast da. "Das ist der alte Olaf mit unseren Vorräten." erklärte Yoshiaki Nishida.

Sie sahen zu, wie der Fremde zuerst die Hunde versorgte, bevor er sich ihnen zuwandte und mit ins Haus ging.

Der Mann zog die Handschuhe aus und schlug die Fellkapuze seines Parka zurück. Harm sah zu seiner Überraschung, daß "der alte Olaf" keineswegs alt war, sondern höchstens in Harms Alter. Er hatte weißblondes Haar, blaue Augen, eine gebräunte Haut und war vermutlich das, was Frauen als einen gutaussehenden Mann bezeichnet hätten, mußte Harm zugeben. "Der ALTE Olaf, ja?" flüsterte er Yoshiaki spöttisch zu.

Der Japaner zuckte die Schultern. "Nicht wirklich alt, so nennt man nur die erfahrenen Schlittenhundeführer hier." erklärte er.

Olaf streckte Mac freundlich die Hand hin. "Hi, ich bin Olaf Swenson. Sie sind die Ersatzleute für die Reardons, richtig?" vermutete er.

"Ja, richtig." bestätigte Mac erstaunt. "Ich bin Sarah Roberts und das ist mein Mann Harmon."

Irgendwie beruhigte es Harm etwas, daß sie ihn als ihren Mann vorgestellt hatte.

Harm schüttelte Olaf Swenson ebenfalls die Hand. "Woher wissen Sie von uns?" wollte er wissen.

Der Skandinavier lächelte. "Hier in Alaska sind nur die Gerüchte schneller als mein Hundegespann." erklärte er.

"Und was sagen diese Gerüchte?" fragte Harm.

"Daß die Reardons vor ein paar Tagen verschwunden sind, sie sollen tot sein. Es war nur logisch, daß die Navy Ersatz für sie schickt, damit jede Nation vier Vertreter in der Station hat." meinte Olaf.

"Willst du etwas essen?" fragte Melissa Daniels den Schlittenführer, während sie eine dampfende Tasse vor ihm abstellte.

"Nein, danke, ich will weiter, sobald ich den Hunden etwas Ruhe gegönnt habe." lehnte Olaf dankend ab.

"Wohin geht es?" wollte Kenichi Akimoto wissen.

"Nach Süden, ich will mal bei Rawlins Hütte vorbeisehen." meinte der Skandinavier.

"Das ist die Richtung, in der die Bohrstelle der Reardons liegt, richtig? Wenn du zufällig vorbeikommst, könntest du mal Ausschau halten, ob du ... irgendetwas findest." bat Sergeij Pedowkin. Alle wußten, daß er von Leichen sprach.

Olaf nickte. "Mach ich." versprach er.

Mac war hellhörig geworden. "Ähm, Mister Swenson ..."

"Olaf." verbesserte der Angesprochene lächelnd.

"Olaf, Sie würden nicht zufällig einen Passagier mitnehmen?" erkundigte sich Mac, "Ich würde mir die Bohrstelle gerne einmal ansehen, vielleicht kann ich sie für meine eigene Arbeit gebrauchen."

Olaf setzte seine Tasse ab und sah sie skeptisch an, von Kopf bis Fuß. "Lady, das halte ich für keine gute Idee. Ich mache keine Spazierfahrten, das hier ist die Arktis. Es gibt kein fließendes Wasser, keine Zentralheizung, die meiste Zeit über kein warmes Essen und kein bequemes Bett. Und wir werden drei Tage unterwegs sein, denn ich fahre nicht auf direktem Weg zur Bohrstelle." warnte er.

Doch diese Taktik bewirkte bei Mac genau das Gegenteil von dem, was sie sollte. Wenn Olaf sie so gut gekannt hätte wie Harm, dann hätte er das gewußt. Nun wollte sie erst recht mitfahren. "Ich will auch keine Spazierfahrt machen, Olaf! Ich möchte mir diese Bohrstelle ansehen und ich bin einige Unannehmlichkeiten gewohnt! Ich erwarte keinen Zimmerservice!" erklärte sie energisch.

Harm sah Olaf an und grinste entschuldigend. "Sie ist ein Marine." Dann wandte er sich Mac zu. "Sarah, kann ich dich bitte einen Moment sprechen? Alleine?"

Mac fixierte ihn scharf und ihre Augen funkelten, aber dann riß sie sich zusammen. "Sicher, Harm." Sie folgte ihm zu ihrem Quartier, während die anderen zurückblieben und belustigte Blicke wechselten.

"Das werden Sie nicht tun!" sagte Harm, sobald er die Türe hinter ihnen geschlossen hatte.

"Natürlich werde ich es tun." widersprach Mac sofort.

"Nur über meine Leiche!" protestierte Harm.

"Versprechungen, Versprechungen." brummte Mac. "Commander, Sie wissen selbst, daß das eine einmalige Gelegenheit ist, uns den letzten bekannten Aufenthaltsort der Reardons anzusehen. Vielleicht finden wir sogar die Leichen!"

Das war nur einer der Gründe, warum sie gehen wollte. Sie hatte immer mehr das Gefühl, hier raus zu müssen oder besser gesagt: weg von Harm.

"Das ist nicht der springende Punkt, Mac. Ich spreche nicht davon, daß es nicht gut wäre, sich die Bohrstelle anzusehen, ich sage nur, daß Sie es nicht tun sollten." erklärte Harm entschlossen.

Mac starrte ihn an und kniff die Augen zusammen. "WIE BITTE?! Ich habe mich wohl gerade verhört? Oder haben Ihre Bedenken zufällig damit zu tun, daß Olaf recht gut aussieht? Dann muß ich Sie nämlich daran erinnern, daß Sie meinen Ehemann nur spielen und keinerlei Rechte an mir haben."

Harm schüttelte den Kopf. "Mac, Sie haben in letzter Zeit nicht viel geschlafen, Sie sind gereizt, Sie essen kaum ... Sie wissen so gut wie ich, daß Sie nicht in der Lage sind..."

Das waren die falschen Worte für Sarah MacKenzie. "Nicht in der Lage? Ich bin in der Lage, alles zu tun, was meine Pflicht von mir verlangt oder wollen Sie schon wieder meine Kompetenz anzweifeln? Ich bin ein Offizier der US-Streitkräfte, ein Marine, zum Teufel, ich breche nicht bei der geringsten Anstrengung zusammen, auch wenn Sie das gerne glauben würden! Wenn ich ein Porzellanpüppchen wäre, das sich vor ein bißchen Kälte und ein paar Unannehmlichkeiten fürchtet, dann wäre ich sicher nicht zu den Marines gegangen, sondern hätte einen Typen geheiratet, der mich in eine Glasvitrine stellt, gut geschützt vor Staub und Sonne, und mich dreimal täglich abstaubt! Ich habe dieselben Rechte und Pflichten wie Sie und ich wünsche, sie auch wahrzunehmen! Also, wenn Sie nicht vorhaben, meine Integrität als Offizier zu verletzen, dann sollten Sie jetzt besser ruhig sein!"

"Spielen wir jetzt die Geschlechterkarte aus, ja?" fragte Harm kühl.

"Ich spiele überhaupt nicht! Ich beschränke mich auf Tatsachen oder muß ich Ihnen Artikel 3, Absatz 2 und 3 zitieren? „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung ... und so weiter und so weiter ... benachteiligt oder bevorzugt werden„."

"Okay, dann erinnere ich Sie an Artikel 5: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern„. Meine Meinung ist es eben, daß Sie besser hier aufgehoben wären. Aber bitte, wenn Sie es partout nicht anders haben wollen ..." Er hatte schon vor langer Zeit gelernt, daß es nichts brachte, sich mit diesem Jarhead lange herumzustreiten. Sie würde nicht nachgeben.

"Ja, das will ich." erklärte Mac entschlossen, "Im übrigen ist es viel plausibler, wenn ich gehe. Was sollte ein Psychologe auch an einer Bohrstelle zu suchen haben?"

"Sie könnten sagen, es geht Ihnen nicht so gut, und das ist nichtmal gelogen, und daß ich an Ihrer Stelle eine Probe der Bohrstelle nehmen werde." schlug Harm vor, obwohl er wußte, daß sie sich nicht darauf einlassen würde. Es gefiel ihm noch immer nicht, sie drei Tage in der Arktis zu wissen.

"Zum hunderttausendsten Mal: Es geht mir gut, kapiert?" fauchte Mac ihn verärgert an.

"Schön, prima, es geht Ihnen gut, wie immer." knurrte Harm. Jetzt wurde aus seinem Gespräch mit Mac wieder nichts. Vermutlich würde er nie erfahren, was mit ihr los war.

Mac packte ein paar Sachen zusammen und sie gingen zurück zu den anderen. Olaf erhob sich und griff nach seinen Handschuhen. Prüfend besah er sich Macs Kleidung. Sie trug eine Pelzhose, einen Parka, dicke Handschuhe, kniehohe Stiefel und eine Pelzmütze. Olaf nickte. "Okay, gehen wir."

Mac nickte den Wissenschaftlern zu und umarmte Harm kurz, nur für ihr Publikum. "Paß auf dich auf, Ninjagirl." murmelte Harm sanft. Er wollte sich nicht im Streit von ihr trennen.

"Hey, ich bin ein Marine, wir gehen in Deckung, wenn jemand auf uns schießt." erinnerte Mac, wahrhaftig einmal ohne den allgegenwärtigen Ärger in ihrer Stimme. Eigentlich hatte sie ja auch keinen Grund, verärgert zu sein, immerhin hatte sie mal wieder ihren "Holzkopf" durchgesetzt.

Harm bemühte sich, ihr nicht nachzusehen, als sie mit Olaf nach draußen trat. Langsam ging er in sein Büro zurück.

TBC

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