Cold as Ice

Author: Sandra Gerth
Rating: PG (General/Action/Drama/Angst)
Spoiler: "Silent Service"; "Ein Held vor Gericht"; "Rendezvouz mit dem Tod", "Boomerang" (Spielt gegen Ende der 5. Staffel.)
Disclaimer: Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.
Summary: Ausgerechnet als Harm und Mac sich nur noch streiten, wird ihnen ein neuer Auftrag zugewiesen und es ist kein Aufenthalt auf einem U-Boot, sondern schlimmer.


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Chapter 4

1712 Z-Zeit (07: 12 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Harm erwachte durch das Geräusch fließenden Wassers. Eine Sekunde wußte er nicht, wo er sich befand und sah sich noch etwas schlaftrunken um, bevor ihm wieder alles einfiel. Er warf einen Blick auf Macs Seite hinüber, aber der Platz neben ihm war leer. Im Badezimmer wurde gerade die Dusche abgestellt. Manchmal fragte er sich wirklich, wieviel Energie dieser Marine hatte. Als er endlich eingeschlafen war, hatte sie sich immer noch von einer Seite auf die andere gewälzt und jetzt war sie bereits vor ihm auf den Beinen.

Kurz darauf kam Mac leise ins Zimmer. Sie war barfuß und trug Hosen und eine khakifarbene Bluse, die etwas an ihrer noch feuchten Haut klebte. Ihr nasses Haar hinterließ Wasserspuren auf ihrem Kragen. Harm fand plötzlich, daß sie jung und verletzlich aussah, obwohl er diese Begriffe ansonsten nicht unbedingt verwenden würde, um Sarah MacKenzie zu beschreiben vor allem nicht, wenn sie es hören konnte. Aber er hatte in den letzten vier Jahren sozusagen eine Art Expertentum, was Macs Befinden betraf, entwickelt, denn von ihr hörte man meist nur die eine Aussage: "Es geht mir gut", ganz egal, ob das der Wahrheit entsprach oder nicht. Außerdem benutzte sie hier draußen in der "Wildnis" kein Make-up, das die dunklen Schatten unter ihren Augen verborgen hätte.

Einen Moment lang wollte er sie zum nächstbesten Stuhl zerren, wenn es sein mußte, auch daran festbinden, und endlich einmal das längst überfällige Gespräch mit ihr führen; sie darauf ansprechen, was zum Teufel mit ihr und ihrer Freundschaft geschehen war, aber dann sagte er sich, daß es wohl nicht die beste Art war, den Tag zu beginnen. Später würde sicher eine bessere Gelegenheit kommen. "Feigling." sagte seine innere Stimme zu ihm, aber er ignorierte sie. Darin war er wirklich gut.

"Morgen, Mac," grüßte er freundlich, "Gut geschlafen?" Gleichzeitig hätte er sich ohrfeigen können. Es war offensichtlich, daß sie nicht gut geschlafen hatte.

"Oh ja, ganz fabelhaft. Sie haben übrigens gelogen, Sie schnarchen doch!"

Harm konnte nicht so ganz entscheiden, ob es einfach nur ein ärgerlicher Angriff oder der Versuch zu scherzen gewesen war und so beschloß er vorsichtshalber, nur ein halblautes "Für einen Marine beschweren Sie sich aber ziemlich viel!" zu erwidern.

"Kommt wohl daher, weil ich von lauter Seeleuten umgeben bin!" brummelte Mac. "Und außerdem habe ICH wenigstens noch die Energie, mich zu beschweren, während Sie gestern abend reichlich k.o. aussahen!" Es hätte vielleicht wie ein kameradschaftliches Necken geklungen, wenn nicht der kühle Ausdruck auf ihrem Gesicht gewesen wäre.

Harm verzichtete auf eine Erwiderung und schlug stattdessen die Decke zurück, um ins Badezimmer zu gehen. "Hey, Mac," rief er einige Minuten später durch die geschlossene Tür, "wasch würdän Schie schagen, mit wäm ich beginnen scholl?"

"Ich würde sagen, beginnen Sie erstmal damit, Ihre Zähne zuende zu putzen!" schlug Mac kopfschüttelnd vor.

Harm öffnete die Tür, die Zahnbürste noch in der Hand. "Genau was ich brauche!" dachte Mac stöhnend, "Harmon Rabb in Boxershorts und mit Schaum vor dem Mund."

Harm grinste. "Wieso, Sie haben mich doch verstanden, oder? Nein, im Ernst, wen soll ich denn zuerst therapieren?"

"Ich würde sagen, beginnen Sie mit den Nishidas und dann den Daniels, während ich mir von den Pedowkins das Labor zeigen lasse. Dann haben wir von jeder Nation wenigstens schonmal ein Paar verhört." meinte Mac und Harm bemerkte erleichtert, daß sie, was das Berufliche anging, noch immer so kompetent war wie früher. Sie war professionell genug, ihre miserable Laune aus ihrem Berufsleben herauszuhalten.

Harm bemerkte, daß Mac die khakifarbene Dienstjacke überstreifte, die Stiefel anzog und zur Tür ging. "Wollen Sie schon los? Was ist mit einem Frühstück?" fragte er ein wenig verwundert.

Mac öffnete die Türe. "Danke, ich hab keinen Hunger" rief sie und war auch schon draußen.

Mac keinen Hunger? Natürlich aß sie nicht wirklich soviel, wie er immer zu scherzen pflegte, aber sie hatte einen gesunden Appetit und gehörte nicht zu den Frauen, die von einer Diät zur nächsten wechselten - das hatte sie gar nicht nötig. Aber wenn er es sich recht überlegte, so hatte sie schon gestern abend nicht sehr viel gegessen, sondern nur in ihrem Essen herumgestochert. Harms Besorgnis wuchs und er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit mit Mac zu reden.

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1745 Z-Zeit (07: 45 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Auf dem Gang traf sie die Pedowkins und Melissa Daniels. "Guten Morgen, haben Sie gut geschlafen in Ihrem neuen Heim?" fragte Marianka Pedowkin mit einer mütterlichen Wärme, die Mac fast verlegen machte. Es war schon sehr lange her, seit eine ältere Frau sie so behandelt hatte.

"Oh, ja, danke," Mac versuchte zu lächeln. "Ich hab mich gefragt, ob Sie mir bei Gelegenheit einmal das Geo-Labor zeigen könnten."

"Selbstverständlich, aber jetzt gehen Sie erstmal mit uns frühstücken," meinte Sergeij Pedowkin genauso freundlich wie seine Frau, "wo ist denn Ihr Mann?"

Diese Frage brachte Mac ein wenig aus dem Gleichgewicht. "Ähm, unter der Dusche." sagte sie nach ein paar Sekunden. Sie folgte den Pedowkins und Melissa zum Speisesaal, wo sie auf Ishmael Daniels und die Tschechows trafen. Unterwegs hatte Mac erfahren, daß die Japaner das Frühstück meist in ihren Quartieren einnahmen.

Als sie sich setzten, kam Harm herein. Er hob leicht eine Braue, als er Mac doch noch im Speisesaal sah, lächelte dann aber und kam auf sie zu. Er begrüßte die Wissenschaftler höflich und beugte sich zu Mac hinunter, um ihr einen zarten Kuß auf die Wange zu geben. Unter Aufwand all ihrer Marine-Corps-Disziplin schaffte es Mac so zu wirken, als sei sie daran gewöhnt, zu jeder Zeit des Tages von Harm geküßt zu werden.

Harm nahm sich ein Tablett und sah zu dem kleinen Büfett hinüber. "Kann ich jemandem etwas mitbringen? Nein? Bleib ruhig sitzen, Sarah, ich mach das schon." meinte er und ging davon, noch bevor Mac protestieren konnte.

Mac machte sich eine mentale Notiz, ihm später die Bedeutung von "Ich habe keinen Hunger" zu erklären und ihm eine weitere Lektion über "machohafte Pseudo-Höflichkeit" zu erteilen.

Marianka Pedowkin beugte sich zu Mac hinüber. "Habe ich Ihnen schon gesagt, wie reizend ich Ihren Mann finde?" fragte sie schmunzelnd.

Mac widerstand nur knapp der Versuchung mit den Augen zu rollen. "Äh, nein, ich glaube nicht, aber danke." murmelte sie und dachte ironisch: "Vielleicht sollte ich Harm erzählen, daß wenigstens eine Frau hier seinem Flyboy-Charme erlegen ist!"

Marianka sah sie neugierig an. "Und, mit was wird er zurückkommen?"

Sollte das ein Test sein, wie gut sie Harm kannte? Argwöhnte jemand, daß sie gar nicht verheiratet waren? Mac sah die Russin prüfend an, aber die lächelte nur. Mac wußte, daß sie, selbst wenn es ein Test sein sollte, nichts zu befürchten hatte. Sie und Harm kannten sich besser als manches frischverheiratete Ehepaar. "Kommt darauf an, wie ausgewogen Ihr Frühstücksbüffet ist. Ich schätze Pfannkuchen mit Joghurt und ungesüßten Heidelbeeren für sich; Spiegeleier, Frühstücksspeck, Toast und Croissants für mich." antwortete sie.

Mac ließ ihren Blick beiläufig über die anderen Stationsbewohner am Tisch schweifen. Sie fragte sich, ob Melissa und Ishmael einen Streit gehabt hatten. Sie sprachen nicht miteinander, sahen sich nicht einmal an. Ganz anders die beiden jungen Russen. Sie saßen nebeneinander, ohne sich zu berühren, aber der liebevolle Blick, mit dem Nikolai seine Frau bedachte, sprach Bände. Mac konnte sich nicht entsinnen, wann sie zum letzten Mal ein Mann so angesehen hatte.

Harm kehrte mit zwei Tabletts zum Tisch zurück und stellte eines vor Mac ab, bevor er sich neben sie setzte.

Marianka kicherte. "Hat Ihre Frau irgendwelche hellseherischen Fähigkeiten, von denen ich wissen sollte, Harm?"

Harm spießte ein Stückchen Pfannkuchen mit der Gabel auf. "Sie kann aus der Hand lesen." erwiderte er grinsend. Die Wissenschaftler lachten.

Mac kaute lustlos auf einem Stück Toast herum, ließ ihn dann liegen und griff stattdessen nach der Tasse Cappuchino.

"Hey, iß!" forderte Harm sie auf. "Du warst es doch, die sich nach unserer ersten gemeinsamen Nacht darüber beschwert hat, daß ich dir kein Frühstück gemacht habe und nun bringe ich dir Frühstück und du ißt es nicht?" Er grinste und schlang ihr leicht den Arm um die Hüfte, genoß es ganz offensichtlich, Mac in Verlegenheit zu bringen. "Ein bißchen Strafe muß sein!" sagte er sich.

Mac spürte, wie sie leicht rot wurde und zielte mit der Stiefelspitze nach Harms Schienbein. Harm unterdrückte ein "Autsch" und nahm rasch den Arm weg.

Alle übrigen am Tisch grinsten nur.

"Ich dachte immer, Marines erröten nicht." meinte Ishmael mit gutmütigem Spott.

"Oh, dieser Marine hier schon." entgegnete Harm und lächelte auf Mac herab.

Mac sah, daß die anderen ihr Frühstück beendet hatten. "Ich denke, wir sollten uns jetzt auf den Weg machen," schlug sie vor, "bevor es noch peinlicher wird."

Harm sah ihnen nach, bis sich die Tür hinter ihnen schloß, dann wandte er sich Macs Tablett zu. Es war so gut wie unberührt. Harm runzelte besorgt die Stirn.

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0225 Z-Zeit (16: 25 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Mac ging den Gang entlang, langsam und in Gedanken versunken. Sie war müde. Es war wirklich anstrengend gewesen, den ganzen Tag im Labor zu verbringen und dabei mit Begriffen wie "mittleres Mesozoikum", "Sediment-Konglomerat" und "Fluidal-Textur" um sich zu werfen, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt.

Hinter sich hörte sie leichte, geschmeidige Schritte. Sie drehte sich um und erwartete, einen der Japaner, vermutlich Yumiko, deren anmutige Bewegungen sie schon gestern bemerkt hatte, zu sehen, doch sie erlebte eine Überraschung: Es war Nikolai Tschechow. Einen Moment war sie so verblüfft, daß der scheinbar plumpe Riese sich mit der Geschmeidigkeit eines Leichtgewichts bewegen konnte, daß sie sogar zu grüßen vergaß.

Nikolai hörte sie nicht und einen Moment später bemerkte sie, daß seine Frau, Anna Tschechow, hinter ihm herging und sie sich auf Russisch unterhielten. Mac wußte nicht genau, ob die beiden ihre Anwesenheit bemerkt hatten, aber falls es so war, so schienen sie sich dadurch nicht gestört zu fühlen. Mac hatte bereits am ersten Abend ihr Bedauern darüber ausgedrückt, in der Schule nur Französisch gelernt zu haben und deshalb glaubten sie, sich ungestört unterhalten zu können.

Sie sprachen über irgendwelche Algen und Agar-Proben, wovon Mac nicht sonderlich viel verstand. Dann jedoch wurde sie hellhörig. "Interessant." murmelte sie.

Anna Tschechow sah auf und entdeckte Mac. Sie lächelte freundlich, aber Mac konnte sehen, daß ihre Gedanken noch immer bei dem Forschungsprojekt, an dem sie gerade arbeitete, waren. Sie kannte diesen Blick, schließlich hatte sie lange genug mit einem arbeitsbesessenen Partner zusammengearbeitet. Anna mußte auf ihrem Gebiet eine ebensolche Koryphäe sein wie Harm auf dem seinen.

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0232 Z-Zeit (16: 32 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska

Harm betrat ihr Quartier und hörte Geräusche aus dem kleinen Büroraum, die ihm sagten, daß Mac schon da war. "Liebling, ich bin Zuhause!" konnte er sich nicht verkneifen zu rufen.

Mac stand plötzlich im Türrahmen und stemmte die Hände in die Hüften. "Ach, und ich soll jetzt mit einem Bier und der Fernsehbedienung antanzen, oder was?" Ihre dunklen Augen funkelten.

"Maaac, bitte, lassen Sie uns friedlich sein, ja?" Harm sah sie mit seinem treuherzigsten Blick an.

"Kein Problem, Commander, dann lassen Sie endlich diese blöden Witze." verlangte Mac kühl.

"Ich bemühe mich." versprach Harm und fragte sich, seit wann sie seine Witze für so blöd hielt. "Wie lief’s bei Ihnen?"

"Soweit ich das beurteilen kann, verstehen die Pedowkins etwas von ihrem Beruf, aber sie scheinen nicht gerade die führenden Fachleute ihrer Branche zu sein. Ich glaube, die Russen haben sie hergeschickt, weil sie sonst niemanden entbehren konnten. Die Pedowkins scheinen wirklich nur ein älteres nettes Ehepaar zu sein, sie sind nicht gerade meine Mordverdächtigen Nummer eins." erzählte Mac.

Harm zuckte die Schultern. "Der Schein kann trügen, Mac, das wissen wir doch beide. Aber zugegeben, meine Hauptverdächtigen sind sie auch nicht. Scott Reardon war 1,90 m groß und kräftig und Cindy war zweifache Karate-Meisterin. Ich glaube nicht, daß sie sich so einfach von zwei 50-Jährigen hätten überrumpeln lassen." gab Harm zu.

"Es sei denn, die Pedowkins hätten ihnen eine Waffe an den Kopf gehalten." meinte Mac.

"Man kann nie wissen." sagte Harm vage.

"Und wie war’s bei Ihnen, Doktor Freud?" Mac rang sich ein Lächeln ab.

Harm stöhnte theatralisch. "Erinnern Sie mich daran, daß ich Jordan anrufe und mich für all die Gelegenheiten entschuldige, bei denen ich ihre Arbeit nicht genügend anerkannt habe!"

"Jetzt kommen Sie aber, so schlimm kann es ja wohl nicht sein."

"Angenehm finde ich es nicht gerade, im Privatleben anderer Leute rumzuschnüffeln, wo ich doch mit meinem eigenen mehr als genug zu tun habe." widersprach Harm.

"Und was tun Anwälte anderes, als im Privatleben anderer Leute rumzuschnüffeln, wie Sie es so gepflegt ausdrücken?" fragte Mac provozierend.

"Ich spreche von ... Emotionen, von zwischenmenschlichen Beziehungen. Himmel, ich muß diese Leute über ihre Eheprobleme befragen!" Harm verdrehte die Augen und sank praktisch aufs Bett.

"Und?"

"Was, und? Mac, Sie wollen sich das doch nicht im Ernst anhören? Außerdem stehe ich unter Schweigepflicht. Auch Psychologen haben da ihre Vorschriften."

Mac sah ihn ungeduldig an. "Commander, Sie sind aber kein Psychologe, sondern Anwalt und ich möchte auch nicht deren Eheprobleme hören." "Davon hatte ich selbst genügend!" dachte sie bitter. "Ich möchte wissen, ob Sie etwas herausgefunden haben, das uns weiterhelfen könnte." erklärte sie mit zunehmenden Ärger.

Wenn Harm über Macs innere Uhr verfügt hätte, hätte er jetzt die Anzahl der Minuten angeben können, wie lange sie sich ruhig unterhalten hatten, bevor Mac wieder begann, zornig zu werden.

"Nichts wirklich Hilfreiches, fürchte ich. Mein Gespräch mit den Nishidas war eher kurz, aber sie scheinen glücklich mit ihrem Beruf zu sein, verstanden sich gut mit Scott und Cindy Reardon und führen eine harmonische Ehe."

"Ich danke Gott, daß Sie nicht wirklich Psychologe sind," bemerkte Mac geringschätzig, "Sie dürfen sich nicht so leicht von dieser ausgeglichenen Mimik täuschen lassen; Japaner lächeln selbst dann noch, wenn sie wütend sind. Ihr Privatleben ist wirklich privat und wenn eine Ehe nicht mehr klappt, dann wäre der Erste, der davon etwas merken würde, vermutlich der Scheidungsanwalt. Zu einer harmonischen Ehe gehört mehr, als sich nicht in der Öffentlichkeit zu streiten."

"Oh, spricht da die Expertin für harmonische Ehen, oder was?" Harm konnte nicht verhindern, daß sich auch in seine Stimme etwas Ärger und Bitterkeit schlich. Es war eine ziemliche Überraschung für ihn gewesen, als er erfahren hatte, daß Mac verheiratet war und es verletzte ihn noch immer ein wenig, daß sie ihm nicht genug vertraut hatte, ihm das zu erzählen, bevor sie wegen Mordes an ihrem Mann im Gefängnis saß und seine Hilfe brauchte.

Schließlich gab er dann aber doch nach, weil er schonmal die Erfahrung gemacht hatte, daß Mac sich mit der japanischen Kultur um einiges besser auskannte als er. "Jedenfalls werden wir auf diese Art aus den Japanern nichts herausbekommen. Wenn sie irgendeinen Grund hatten, die Reardons umzubringen, dann verbergen sie es wirklich gut." Harm fand diese indirekte Art der Befragung ziemlich nervenaufreibend. Als Anwalt war er direkte Fragen gewohnt, wenn auch die Antworten manchmal weniger direkt waren. "Ich sehe jedenfalls kein Motiv. Ihre Berufe haben wirklich nichts miteinander zu tun; die Nishidas sind Erdöl-Ingenieure und sicher nicht an Stealth-Technik interessiert."

"Was ist mit den Daniels?" fragte Mac und nagte ein wenig an ihrer Unterlippe.

"Ziemlich zerrüttete Ehe, wenn Sie mich fragen, aber das ist schließlich kein Mordmotiv. Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber ich fürchte, wir sind keinen Schritt weiter als vorher." Es gefiel Harm nicht, das zugeben zu müssen, aber er war entschlossen wie eh und je, nicht aufzuhören, bevor er nicht die Wahrheit kannte.

"Etwas Interessantes gibt es aber doch, wenn ich auch noch nicht so recht weiß, was es zu bedeuten hat." sagte Mac mehr zu sich selbst.

"Etwas dagegen, diese Erkenntnisse zu teilen?" Harm runzelte ein wenig die Stirn und hoffte, daß sie sich daran erinnerte, daß sie zumindest noch ein Team waren.

"Sieht so aus, als wären wir nicht die einzigen, die eine Ehe vortäuschen." ließ Mac die Bombe platzen.

Harm sah sie groß an. "Jemand täuscht seine Ehe vor? Wer?" wollte er wissen.

"Die Tschechows." antwortete Mac knapp.

"Die Tschechows?" echote Harm, "Ach, kommen Sie, Mac, da müssen Sie sich irren, ich hab doch gesehen ..." Ja, was hatte er eigentlich gesehen, fragte er sich im Nachhinein. Nicht einen Kuß, keine einzige Berührung, nur einen freundschaftlichen Umgangston, so wie er und Mac ihn früher gehabt hatten. Aber halt! "... ich habe gesehen, wie Nikolai sie ansieht. So sieht man niemanden an, wenn man eine Ehe nur vortäuscht."

"Vielleicht gibt es eben einfach Leute, die besser schauspielern können als Sie, Commander." meinte Mac trocken.

"Ich kann mich gern bemühen, überzeugender zu sein, Colonel," Harm grinste, "aber ich fürchte, es würde mir wieder einen Tritt gegen das Schienbein einbringen. Aber im Ernst, Mac, sind Sie sich wirklich sicher?"

"Ich habe es selbst gehört!" Mac war verärgert, daß er ihr nicht sofort glaubte.

"Sie haben vor Ihren Ohren gesagt, daß sie ihre Ehe nur vortäuschen?" Harm sah sie zweifelnd an.

Mac biß die Zähne zusammen, um ihn nicht anzuschreien. Wie konnte man nur so schwer von Begriff sein? "Natürlich nicht! Erstens haben sie mich nicht gesehen und sie sprachen Russisch. Sie haben geglaubt, ich würde sie nicht verstehen. Und zweitens haben Sie nicht direkt gesagt, es sei nur eine Scheinehe ..."

"Na also. Vielleicht haben Sie einfach nur ein russisches Wort falsch übersetzt." vermutete Harm.

"Sicher nicht dieses Wort, das lernt man schon in der ersten Russisch-Lektion." knurrte Mac.

"Das Wort SCHEINEHE?" Harm hob beide Augenbrauen und sah sie skeptisch an.

"Das Wort SIE, Harm!" Macs Stimme wurde immer lauter.

"Ähm, muß ich das jetzt verstehen, Mac?"

"Man könnte meinen, ICH spräche Russisch!" meinte Mac ungeduldig. "Die beiden haben sich gesiezt, jetzt alles klar?"

"Oh, das ist allerdings seltsam für ein verheiratetes Paar." gab Harm zu. "Glauben Sie, sie haben sich nur als verheiratet ausgegeben, um sich in das ICE-Projekt einzuschleichen und die Reardons zu ermorden, bevor sie den USA zu einem effektiveren Tarnsystem verhelfen können?" Soweit war das die plausibelste Theorie, die er bisher gehört hatte, eigentlich die einzige Theorie überhaupt.

"Nein, glaube ich nicht." erwiderte Mac zu seiner Überraschung.

"Hoppla! Warum ergreifen Sie denn plötzlich für die Tschechows oder wer zum Teufel sie sonst sind Partei?" fragte Harm erstaunt.

"Ich ergreife für niemanden Partei! Sie haben mich gefragt, was ich glaube und ich habe meine Meinung gesagt! Ich glaube eben einfach nicht, daß die beiden die Morde begangen haben, verstehen Sie?" fauchte Mac ihn leidenschaftlich an. "Es ist einfach ... ich weiß nicht, weibliche Intuition!"

Harm kannte den Ausdruck in ihren Augen nur zu gut, sie war mal wieder mit Feuereifer bei der Sache. "Mac, Sie sind mit ganzem Herzen bei der Sache und das bewundere ich ja auch an Ihnen, aber es gibt eben Momente, in denen man seine Gefühle hinten anstellen muß. Ein Anwalt kann es sich nunmal nicht leisten, in alle seine Fälle emotional involviert zu werden." Diese Konversation hatten sie schon öfter geführt.

"Was? So, jetzt bin ich also plötzlich ein gefühlsduseliger Teenager ohne jede Selbstkontrolle?" explodierte Mac.

"So hab ich das nicht gemeint und das wissen Sie! Mac, was ist denn los mit Ihnen; ich dachte, wir hätten unsere Probleme gelöst? Alles, was ich will, ist in aller Ruhe mit Ihnen zu sprechen! Das ist doch albern, verdammt nochmal!" Langsam aber sicher verlor auch Harm die Geduld.

"Albern, ja? Dann verzeihen Sie mir meine Albernheit, Commander!" Mac machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Quartier.

Harm atmete tief durch und folgte ihr. Mit zwei schnellen Schritten hatte er sie eingeholt und ergriff ihren Ellenbogen.

Mac wirbelte herum und in ihren Augen erkannte er, daß sie dicht davor stand, ihm eine ihrer geballten Fäuste ins Gesicht zu schlagen. Er fragte sich ohnmächtig, wie sie nur an diesen Punkt gelangt waren. "Mac, bitte..."

Mac funkelte ihn an und ihre dunklen Augen waren fast schwarz vor Zorn. Er konnte aus nächster Nähe das gefährliche Funken in ihren Augen sehen.

Harm nahm aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Melissa und Ishmael Daniels kamen laut streitend um die Ecke und verstummten, als sie Harm und Mac sahen. Zweifellos fragten sie sich, wieso das jüngere Paar hier Auge in Auge vor seinem Quartier stand, anstatt einzutreten.

Harm tat das Erstbeste, was ihm in den Sinn kam. Er legte einen Arm um Macs Hüfte, den anderen um ihre Schulter und zog sie an sich, während er leise flüsterte: "Bitte, Marine, bring mich nicht gleich um, ja?"

Harm spürte, wie Mac sich verkrampfte und für einen Moment die Faust ballte, dann begriff sie, was er beabsichtigte und versuchte, sich abzuregen. Ihre Hand öffnete sich und legte sich leicht auf Harms Brust. Harm war fast überrascht, wie behaglich sich diese vertrauliche Geste anfühlte.

Er grüßte zu den Daniels hinüber, die ohne größeren Aufenthalt vorbeigingen, als sie das jüngere Paar in enger Umarmung sahen. Harm hielt sie noch eine Sekunde länger fest, aber sanft und nicht zu besitzergreifend, wie sie das von Dalton oder Mic gewohnt war. Harm ließ ihr immer genug Freiraum, als ob er spürte, daß sie ihn brauchte.

Die Daniels verschwanden in ihrem eigenen Quartier und Harm ließ die Arme sinken. Bevor Mac ein weiteres scharfes Wort sagen konnte, hob er abwehrend die Hand. "Waffenstillstand, Mac, okay? Hören Sie, wir sollten uns das Leben wirklich nicht auch noch gegenseitig schwer machen. Wir sitzen hier im selben Boot und müssen das Beste aus dieser Mission machen, also warum versuchen wir nicht wenigstens, uns wie zivilisierte Menschen zu benehmen. Wenn wir uns weiterhin so zanken, werden die Leute noch denken, wir seien verheiratet." Harm lächelte zögernd. "Ich würde es wirklich begrüßen, wenn Sie, was diese Mission betrifft, hinter mir stehen würden."

"Ich werde so weit hinter Ihnen stehen, daß Sie mich nicht einmal mehr sehen werden, Commander!" gab Mac bissig zurück.

Sie wollte schon wieder davonstürmen, aber Harm hielt sie erneut zurück. "Mac, es wird erwartet, daß wir heute kochen, zusammen. Also, bitte ..."

"Schön." schnappte Mac und ging los, ohne auf ihn zu warten.

TBC

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